J. Herzog-Dürck: Schöpferische Partnerschaft

Posted in republications by sebwin - 05.06.2026

Schöpferische Partnerschaft

Johanna Herzog-Dürck, 1963

Neue Bewußtwerdung

Worin liegen die treibenden anthropologischen Kräfte und Energien für die heutige Umgestaltung der „erotischen Relation“, für die seelische, die mitmenschliche Wandlung der Geschlechterbeziehung, und auf welchen Ausdruck können wir sie bringen?

Ich wählte den Ausdruck „schöpferische Partnerschaft“; er besagt freilich mehr Ziel und Sinn und sammelt die hoffnungsvollen Anzeichen, als daß er bereits in breitem Maße Verwirklichtes und Gegebenes kennzeichnen würde. Ein zentraler Faktor scheint mir dabei nun über jeden Zweifel erhaben zu sein, und auf ihn müssen wir unsere Aufmerksamkeit lenken: die Tatsache der unaufhaltsamen Bewußtwerdung der Frau. Es handelt sich also um eine genuin neue Auseinandersetzung der Frau selbst mit all den so ungeheuer gegensätzlichen Interpretationen, die ihr je und je im Verlauf der Geschichte durch den Mann gegeben worden sind, um die Entdeckung nicht nur, sondern auch die Aktivierung der in ihr wohnenden und bis dahin mehr oder weniger latenten seelischen und geistigen Möglichkeiten und Kräfte durch sie selbst. Die Frau stellt an sich selber die Frage, was weibliches Menschsein eigentlich seiner ganzen Fülle nach ist, welche Bestimmung sie ihm selber geben will und welchen Auftrag in der Welt es zu erfüllen hat. Nicht die biologische Funktion, das rein Naturhafte also, aber auch nicht nur die weibliche „Rolle“, wie sie durch Tradition und gesellschaftliche Sozialstruktur in den Denkgewohnheiten des Abendlandes weitergereicht wird, stehen im Zentrum dieser Bewußtwerdung, sondern die Potenzen des weiblichen Menschseins selbst und seine Beziehung zum männlichen Menschsein.

In ihrer ontologischen Tiefe wird die Beziehung zwischen Mann und Frau immer nur durch eine Bestimmung zum Ausdruck gebracht werden können, und das ist die Bestimmung Liebe. Liebe aber gibt es in der konkreten menschlichen Wirklichkeit in unendlich vielen Stufungen und Graden der Erhellung, in differente Formen der Zuordnung der Liebenden zueinander. Liebe kann sehr wohl den einen der Liebenden als den umgriffenen, den anderen als den umgreifenden, den einen als den geführten, den anderen als den führenden, den einen als den geborgenen, den anderen als den bergenden miteinander verbinden und einander zuordnen. Die stärkere Bewußtheit des Mannes, die relative Unbewußtheit der Frau waren das bisher Charakteristische der Beziehung. Nun aber, durch die neue Bewußtwerdung der Frau, bahnt sich die neue Form an, die wir als schöpferische Partnerschaft bezeichnen. Wo Liebe auf der ständig weiterschreitenden Selbstfindung und Selbstverwirklichung beider Liebenden beruht, wo sie ein Antworten also auf die Grundbedingungen des Menschseins in je eigener Weise und damit ein Reifen beider Liebenden eben gerade auch durch das Antworten des Du bedeutet, da sprechen wir von schöpferischer Partnerschaft. Schöpferische Partnerschaft ist ein circulus, aber ein circulus salutis. Schöpferische Partnerschaft beruht auf einer stets weiter bewegten Findung und Annahme seiner selbst, die eine Findung und Annahme des Du stets weiterbewegt, in stets wachsendem Raume ermöglicht. Wo Liebe ein Antworten ist auf die Grundbedingungen des Menschseins, so, daß das weibliche Antworten das männliche Du wachsen läßt und das männliche Antworten das weibliche Du wachsen läßt, da sprechen wir von schöpferischer Partnerschaft. Wir sprechen also von ihr, wo es sich um ein „dialektisches” Reifen aneinander handelt, und nicht etwa bloß um eine subjektive Anpassung zweier geschlechtsverschiedener Personen aneinander, um einen aus dem Urgrund des transzendenten Ganzen heraus unendlich bewegten Vorgang, der beide Beteiligten durch die Phasen der Zeit bis zum Tode hin verwandelt. Schöpferische Partnerschaft ist also ein Geschehen, das zu keinem abschließenden Punkt gelangen kann, zu keinem Punkt also, an dem der eine Partner den anderen erschöpfend „festgestellt“ hätte. Sie ist Begegnung, die ihrem Wesen nach dynamisch immer tiefer greift und durchaus im “Offenen“ geschieht.

Was zeigt uns nun aber die heute vorfindbare Wirklichkeit der mitmenschlichen Beziehungen? Sie zeigt uns ein Scheitern der Gemeinschaften in nie dagewesenem Maße und insbesondere eine erschreckende Krise der mann-weiblichen Partnerschaft. Ein Blick auf die Statistik der Ehescheidungen genügt. Der Psychotherapeut hat es natürlich in direkter Frontberührung mit diesem Ringen und Scheitern, mit diesem Versagen und Erkranken des Partnerschaft zu tun, mit diesem Bruch von Mensch zu Mensch, aus dem sich so oft die Abgründe von Haß und Verzweiflung auftun und die Dämonie des „radikalen Bösen“ sich zu offenbaren scheint. Einsamkeit, Kontaktlosigkeit, Lieblosigkeit in der Form des Nicht-liebenkönnens sowie in der des Nicht-geliebtwerdenwollens, die Unfähigkeit zur Hingabe und zur Treue, die Sucht, den anderen zum Objekt zu machen und als Objekt zu benutzen — alle diese Krankheiten der Seele beherrschen heute das Feld der zwischenmenschlichen Beziehung und insbesondere das der mann-weiblichen Partnerschaft. Am auffälligsten ist dabei der Aspekt der Unverbindlichkeit, der kühlen und unerschütterten Ichbezogenheit, mit der die erotischen Verbindungen eingegangen und wieder ausgewechselt werden.

Der Psychotherapeut, der ja nicht nur dem Einzelnen zur Heilung zu helfen sucht, sondern auch immer das Ganze der Erscheinungen bedenkt und meditiert, wird sich immer wieder nach den Gründen dieser seltsamen und tief beunruhigenden Physiognomie unserer Epoche befragen. Und es scheint nun unverkennbar, daß ein hier verantwortlich zu machender Faktor eben gerade in der wachsenden Bewußtwerdung der Frau und dem damit gegebenen Verlassen jahrhundertealter Bindungen und Ordnungen, Denkgewohnheiten und Wertetafeln zu suchen ist. Offenkundig tritt die alte Lebensregel in Erscheinung, daß das Neue, das Differenziertere, das „Höhere“ sich nur kreiert durch ein Stadium der Dunkelheit hindurch, ein Stadium der Gefahr und der Spannung, ein Stadium lebensbedrohender Ambivalenz.

Formen der Flucht

Betrachten wir uns nun einmal die Gefahren, die die Einreifung in eine Seinserhellung, in ein selbstbewußteres weibliches Menschsein für die Frau selber, dann aber naturgemäß auch für den Mann mit sich bringt.

Da sehen wir einmal die Frau, die, den Reifungssinn, den “dualen“ Sinn, den Wandlungssinn dieser Gesamtentwicklung unklar ahnend, ihm ein hybrides „Nur-Ich-selbst“ gegenübersetzt. In einem ständig auf den Erweis ihrer Überlegenheit lauernden Geltungsanspruch hat sie das unabweisliche Bedürfnis, sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit über den jeweiligen Partner zu erheben. Sie mißversteht ihr weibliches Menschsein im Sinne des Ich-Kultes und somit auch im Sinne von grundsätzlichem Fordern und Nur-Fordern, das seinem Inhalt nach von Situation zu Situation wechseln kann. Es sind die Frauen, die ihre Begabung zur schöpferischen Partnerschaft nicht in die Entscheidung der Wahrheit hineinnehmen, die sie erstarren lassen im intellektuellen Dünkel der Besserwisserei und eines oft harten, zuweilen auch einsam rauschhaften „tragischen“ Souveränitätsgefühls. Das „Annehmen“ ist im Leben des Menschen ein Grundakt von tief produktiver existentieller Natur, das Annehmen der göttlichen Verborgenheit in den Grundbedingungen des Daseins wie auch des letzten Geheimnischarakters des menschlichen Du. Wenn z.B. ein Mensch die Grundbedingung der Zeit nicht annehmen kann, so wird er sich unentwegt am Altern seines Partners stoßen.

Bei den Frauen, die wir im Auge haben, finden wir eine versteckte Meuterei gegen das produktive “Annehmen“. Der männliche Partner wird frustriert durch die lieblose Kritik nicht nur seiner Fehler, sondern seiner Substanz, seines Wesens, durch die richtige aber erbarmungslose Herausstellung seines Schattens, mit der er in jeder Situation einmal wieder als der Ungenügende, als der Versager vor dem Leben markiert wird. Wie sehr diese Frauen den Mann eben gerade dadurch zu dem machen, was sie an ihm geißeln oder subkutan ironisieren und ins Lächerliche ziehen, die positive Entwicklungsmöglichkeit des Mannes dabei de facto verhindernd, abtötend, ausmerzend — das wissen sie bei aller ihrer Intelligenz selber nicht. Niemals würden sie eine eigene Schuld oder eine Verfehlung freimütig eingestehen und damit den frischen Wind des Vertrauens in die Segel der Gemeinschaft kommen lassen, niemals würden sie etwas „lernen“, da dies sie von dem usurpierten Thron ihrer Unfehlbarkeit ins Nichts stürzen müßte. Die unvermeidlichen „Szenen“, in denen sich eine solche Partnerschaft ausspielt, bringen niemals die befreiende Katharsis und den beglückenden Neuanfang; höchstens zu einem mürrischen Frieden läßt sich die laesa majestas durch unwürdige Opfer seitens des Partners herab. Bei all ihrem de potentia vorhandenen Reichtum ist diese Frau wie ein See, um den herum das Ufer in Parzellen lückenlos verkauft ist. Weder fühlt noch begreift sie es, daß sie den Mann in eine Heimatlosigkeit, in eine Ungeborgenheit treibt, die der Verzweiflung nahekommen kann. Wohl den Männern, die wenigstens noch einen Ort in der Welt haben, an den sie sich zurückziehen können, die Wissenschaft, das Labor, den Schreibtisch (an dem sie vielleicht ein abstraktes Werk schreiben über — „die Frau“ oder „die Liebe“).

Existentiell gesehen bedeutet eine solche Partnerschaft den schuldhaften „Verlust einer Dimension“ - gerade weil eine Dimension hätte gewonnen werden können (vgl. Paul Tillich: Die verlorene Dimension). Das Heilige in der Welt wird nicht nur nicht erschaut, nicht erhorcht, nicht ersehnt, sondern ihm werden Riegel vorgeschoben durch ein seelisches Töten, ein Töten des Herzens, des Vertrauens, der Hoffnung. Und es braucht kaum gesagt zu werden, daß Kinder, die unter einem solchen verschlossenen Himmel aufwachsen, Angst und Öde erfahren, Lüge erlernen müssen und den faden Geschmack der tristesse auf der Zunge haben werden.

Fassen wir nun noch einen in gewisser Weise entgegengesetzten Typus weiblicher Entwicklung ins Auge: die Frau, die den inneren Anruf zu ihrer Selbstwerdung wohl vernimmt, aber nicht wagt, die es nicht riskiert, ihm Folge zu leisten, die die seelischen Energien in sich trägt, um weibliches Menschsein eigenständig zur Entfaltung zu bringen, die aber „unter ihrem Niveau“ bleibt, die, man möchte sagen, unbewußterweise unbewußt bleiben will. (Vielleicht trägt sie zu schwer an gewissen Idealen einer noch patriarchalen Erziehung, bei der jedoch immer an die im Untergrund auch herrschende Magie der magna mater gedacht werden muß; vgl. dazu Erich Neumann: Zur Psychologie des Weiblichen.) Immer wieder flüchtet sie vor dem Leben, das ihre Reifung herausfordert, weicht sie zurück in übermächtige Gehorsamshaltungen, in die Sicherungen der Konvention; sie läßt z.B. im erotisch-sittlichen Bereich, erlernte religiöse Vorschriften über sich entscheiden. Sie finalisiert auch den männlichen Partner im Sinne einer Vaterfigur um, statt die geschlechtliche Polarität in aller Tiefe anzunehmen. So bleib sie die ewige Tochter, auch mit all dem Reizvollen und Schönen einer solchen, aber eben unendlich abhängig, abhängig zumeist auch von der Meinung der Leute, von Jedermann und Jederfrau der Gesellschaft, Gemeinde, Kirche, Institution, unfähig, sich ein eigenes Gewissen zu bilden und aus eigener Verantwortung zu denken, zu entscheiden und zu handeln (was ja hieße, Gott mehr zu gehorchen als den Menschen und damit Selbst zu werden).

Sehr oft haben auch diese Frauen, gleichsam in Opposition zur eigenen Enge, ihren Intellekt hoch entwickelt, und zwar meist einen dünnen Schmalspurintellekt, der sich auf erstaunliche Leistungen in einem meist „männlichen“ (als ob es das gäbe!) Fach beschränkt (Technik, naturwissenschaftliche Spezialforschung usw.), doch es wirkt fast, als ob sie sich mit einem solchen Tribut loskaufen möchten von dem, was sie ja unbedingt und personal angehen müßte, vom weiblichen Menschsein in seiner vollen Bedeutung. Im originären Bereich des Weiblichen verharren sie dabei in infantiler Dornröschenhaftigkeit. Die Unruhe und Unzufriedenheit mit sich selbst, die sich ja notwendigerweise aus der tief im Unbewußten verspürten Verweigerung ihres eigentlichen lebendigen menschlichen Auftrags ergibt, rächt sich am männlichen Partner. Er soll das tun, was die Frau selber tun sollte, nämlich die Dornröschenhecke durchbrechen und den Drachen töten, der die Jungfrau gefangen hält. Das aber kann der Mann unter den gegebenen psychologischen Voraussetzungen immer weniger, und so wird auch hier ein möglicher circulus salutis zu einem circulus vitiosus. Statt der selbsterlösenden Tat (die natürlich einen Entwicklungsweg bedeuten würde) bemächtigt sich die Frau der Freiheit des Mannes, sei es durch quälende Eifersucht, die sich sogar bis auf sein Werk erstrecken kann, sei es durch anspruchsvolle Hilflosigkeit vor dem Grauen der Welt, das sie ja nicht in Reifung kompensiert, oder durch die Launen eines kindlich rätselhaften Habitus, die, einmal durchschaut, nichts weiter verursachen als Langeweile. Schwelende Aggressivität von beiden Seiten kann nicht ausbleiben. - Wenn die zuerst skizzierte Frau den Mann in die seelische Heimatlosigkeit treibt, dann zieht diese ihn in die schwer durchschaubare, traumartige Gefangenschaft einer kleinen, beunruhigten und beunruhigenden Subjektivität.

Wenn sich so die schöpferische Bewußtwerdung der Frau selber mißversteht, sich versteigt oder verklemmt, so ist es doch ebensowohl möglich, daß der an sich reifungsbereiten weiblichen Partnerin existentielle Fehlhaltungen des männlichen Partners entgegenwirken, auf die wir nur noch andeutend einen Blick werfen können, wie wir ja überhaupt hier nur einzelne, fast beliebige charakteristische Linien aus der breiten Fülle der seelischen Wirklichkeit herausgreifen. Einem reifenden, von der Tiefe her aufgeschlossenen und mutigen weiblichen Partner gegenüber kann der männliche Partner etwa durch geistige Trägheit versagen. Der Mann „antwortet’ nicht mehr mit allen seinen Wesenskräften auf die Frau, die er als Anstrengung empfindet; er spaltet einen Teil seiner selber ab und sucht sich für diesen einen bequemeren, einen leichteren Partner. Es ist der Fall der die Frau so tief verletzenden Untreue, die im konkreten Einzelgeschehen immer kompliziert gelagert ist und an der die Frau stets selber auch einen Teil der Schuld trägt. Oder aber der Mann kommt aus einem patriarchalischen Bevormundungsanspruch, der sich in plötzlicher Empfindlichkeit und jähem Ressentiment äußert, im Grunde doch nicht heraus; er verträgt die mündige Partnerin nicht als den lebendigen Pol zu sich selbst. Er ist es nun, der die Frau überfordert, um ihr zu beweisen, daß sie ja doch die grundsätzlich Unterlegene ist, daß sie nicht Schritt halten kann mit ihm, und der sie nun grausam, u.U. sogar mit sadistischem Raffinement ihre Niederlage erleben lassen will. — Gestreift sei in diesem Zusammenhang auch der hochsensible, eigenwillige „Aesthet”, der bloß die geistige bzw. geistig-aesthetische Blüte der Frau akzeptiert, der die Frau in ihrer originellen Faszination als Erlebnis, als subtilen Genuß wohl bejahen kann, aber in unüberwindlicher Angst vor der Naturverbundenheit des weiblichen Menschseins zurückschreckt (häufiger Ansatz in Richtung der Homosexualität). Genetisch ist hier in der Regel eine zwar verdeckte, aber unbewußt nicht minder wirksame, nicht abgelöste Mutterbindung im Spiel. Auch dieser Mann setzt der Ganzheit der lebendigen Begegnung als schöpferischer Partnerschaft eine Grenze.

Die Chance der gegenwärtigen Situation

Wenn wir nun auf das Scheitern und die Konflikte hingewiesen haben, auf die Stockungen und Brechungen in der Liebe und im Mut, die der schöpferischen Partnerschaft von beiden Seiten entgegenstehen, so wollen wir doch diese Betrachtung nicht abschließen, ohne uns nach dem Sinn, nämlich dem menschheitsgeschichtlichen Sinn zu fragen, den die Heranreifung der Frau zur bewußten Auseinandersetzung mit sich selbst und zur eigenständigen Interpretation ihres weiblichen Menschseins haben mag. Welchen zukunftsweisenden Wert hat diese Entwicklung, die uns jetzt, im aktuellen Übergang, in dem wir uns befinden, ein solches Ausmaß an krisenhaftem Dilemma vorweist? Wir sagen gewiß nichts Neues, wenn wir feststellen, daß die einseitige männliche Mentalität die Menschheit bis hart an den Rand eines Abgrundes, des Abgrundes der Selbstvernichtung, geführt hat. Bei dieser oft gemachten summarischen Feststellung dürfen wir es aber nicht bewenden lassen. Mir scheinen zwei Gesichtspunkte hier von größter Bedeutung. Die Frau, die zum Manne nun nicht mehr gläubig als zu ihrem Haupt und Führer aufschaut, sondern die seine ganze Gefährdung klar erkennt, vermag es nun auch ganz anders, dem Mann aus eigenständig gewordenem weiblichem Geist heraus zu Hilfe zu kommen. Sie kann, so möchte man auf die Gefahr des Mißverständnisses hin doch sagen, in einem ganz neuen Sinn zu der Chance werden, daß Heiliges in der Welt wieder zu leuchten beginnt. Die Erstarrung im technischen Denken, die Lebensferne einer blinden Erfolgsraserei, die dämonische Herrschaft der Maschine, die Seelenblindheit des Atomzeitalters mit seinen Götzen der Macht und der Zerstörung — sie erzeugen im Menschen Angst und Depression, das furchtbare Nichts der Glaubenslosigkeit und der Herzensleere, den schauerlichen Ekel des Daseins an sich selbst. Der weibliche Geist aber bleibt immer zugleich noch näher zum Ursprung, er ist noch vom Urvertrauen auf das Leben erfüllt. Der Mann braucht den schöpferischen Partner, er braucht die Frau, die den Tod und die Schuld, das Schicksal, das Böse und die Zeit auf ihre eigene weibliche Weise „durcharbeitet“, in allem Erschrecken unerschrocken bleibt, die ihr Dennoch gefunden hat und aus diesem Dennoch nicht nur neue Erkenntnis, sondern auch Freude und Hoffnung und den Glauben des Menschen an sich selbst zu schenken vermag. Nicht „das Ewig-Weibliche zieht uns hinan“. Keineswegs. Aber der lichte und unerschrockene weibliche Geist läßt uns vielleicht da Quellen finden, wo nur noch Versandung drohte.

Der Zweite Gesichtspunkt weist in die Zukunft. Das Schicksal der Menschheit hängt davon ab, ob sie ein Zeitalter des Friedens zu gestalten fähig sein wird. Es wird das größte Experiment aller geschichtlichen Zeiten sein, ob die Menschheit einen Frieden nicht bloß im negativen Sinn als Wegfall von Kriegen (dann nämlich würde sie an sich selbst zu Grunde gehen), sondern im positiven Sinn als eine Planung neuer mitmenschlicher Seinsweisen gründen und sich in ihr bewähren kann. Daß dies möglich sein wird eben durch die schöpferische Partnerschaft der Geschlechter, durch Liebe als schöpferische Partnerschaft, scheint mir eine unabweisbare und hoffnungsvolle Erwartung.