Einführung in die Personale Psychotherapie1
Johanna Herzog-Dürck, 1979
Im Blickpunkt der Personalen Psychotherapie steht der Mensch als Person, steht die schöpferische Fähigkeit des Menschen, auf die Welt und auf sein Sein in ihr zu »antworten«. Nicht an ein Antworten in Worten, in logischen und philosophischen Systemen ist gedacht, sondern an das seinsmäßige Antworten auf den ewigen Anruf, den der Mensch vernimmt (personare, sonare). Kern und Wesen, Geist und Gefühl des Menschen liegen in dieser Kraft des personalen »Antwortens«, das in den ungezählten Wandlungen des Lebens und in Schritten der menschlichen Selbstfindung zur Identität heranreift, als die der einzelne sich erfährt und sich bezeugt. Identität meint also paradoxerweise prozeßhaftes Geschehen, nie sich selbst gleichbleibende Selbigkeit, schöpferische Dynamik, mit der der Mensch aus seiner natürlichen Anlage in steter Auseinandersetzung mit der Welt sich selbst in innerer Geschichte gründet. Dem was Entelechie ist im Bereich der lebendigen Natur entspricht beim Menschen diese so ganz andersartige Kategorie der personalen Selbstgründung in innerer Geschichte, aus der heraus er sich auszeugt in seinen Taten, in den immer neuen Entscheidungen des Lebens, sich herausschälend aus den primären und späteren Identifikationen, deren er zu seinem Wachstum bedarf. In währenden Schritten existentiellen Lernens sucht und findet er den Sinn seines unaustauschbaren personalen Seins, den er als seinen Auftrag für die menschliche Gesellschaft übernimmt. Es liegt auf der Hand, daß dieser Prozeß, der Prozeß der Reifung, ungemein vielen Störungen, Täuschungen und Gefahren ausgesetzt ist.
Diese entscheidenden Aspekte der Personalen Psychotherapie beruhen auf der Erfahrung, daß heute viele Menschen den Psychotherapeuten aufsuchen aus Gründen mangelnder Sinnfindung, seelischer Verödung und menschlicher Frustration.
Im Laufe des Jahrhunderts hat die Neurose ihr Gesicht weitgehend verändert – ein Umstand, dem (gegenüber den Anfängen der Psychoanalyse) bereits C. G. Jung, Fritz Künkel und viele andere Autoren, auch der Freudschen Richtung, Rechnung trugen. Die Personale Psychotherapie setzt sich über die Erkenntnisse der früheren Systeme nicht hinweg, sondern baut auf ihnen auf. Sie geht aber weiter, indem sie die existentielle Wirklichkeit des Menschen befragt, seine Liebe, seine Hoffnung, seine Verzweiflung, sein Sein vor Transzendenz (s. den Beitrag von K. v. Dürckheim in diesem Bd.).
Für die meisten Menschen unseres Kulturbereichs hat der Stellenwert der Religion sich verändert (was keineswegs besagt, daß Religion als solche nicht mehr lebe). Die erleuchtende Interpretation des Menschseins, die die Kirchen vermitteln, ist für die große Menge der Menschen irrelevant oder fragwürdig geworden. Wo vordem noch Mythos, Religion und Philosophie dem Menschen Bergung, Stand und Selbstverständnis schufen, fühlt er sich heute weitgehend im Stich gelassen und verarmt. Die Wissenschaft schweigt vor den letzten Fragen. Nichts anderes, aber auch nichts Geringeres erwartet das Rätsel seiner Existenz von ihm als das Werden seiner Identität, das Reifen, das »Erwachsenwerden« seiner selbst. Die »Antwort«, die nicht gegeben wird, muß er selber werden.
So wurde die Psychotherapie, und insbesondere deren Schulen, die dieser Problematik besondere Aufmerksamkeit widmeten, nolens volens mit der Rolle einer »säkularen Seelsorge« betraut. Dabei kann und will aber die Psychotherapie mit religiöser Seelsorge nicht in Konkurrenz treten und nicht mit ihr verwechselt werden. Beider Kontingente sind grundsätzlich verschieden. Wohl aber können sie sich ergänzen. So versucht etwa die Personale Psychotherapie, indem sie das »Antworten« evoziert, die verödeten Organe der Seele zu öffnen für das, was eben auch die Wahrheit lebendiger Religion bezeugen will. Die Entscheidung für oder gegen eine bestimmte Religion liegt freilich einzig und allein beim Patienten.
Wie ist es nun aber beschaffen mit dem Scheitern so vieler Menschen an der Sinnfrage ihres Lebens, am Leben selbst, an der Tatsache, daß die Wer-bin-ich-Frage (Identität) ja grundsätzlich nie zu einer rationalen Lösung kommen kann?
In unserem Leben gibt es tiefe existentielle Provokationen, die den Menschen seit eh und je in besonderer Weise forderten und beunruhigten. Die Personale Psychotherapie bezeichnet sie als die Grundbedingungen des Menschseins. Zu ihnen gehören die Zeit, der Tod, die Schuld, das Böse in der Welt, Leib und Schicksal, das Geschlecht als die Polarität von Mann- und Frausein, Grundbedingungen also, die allem individuellen Sein- und Habenwollen unüberschreitbare Grenzen setzen. Alle menschliche Selbstfindung stößt an dies letzte Geheimnis, in das unser Sein getaucht ist, und hat gerade an ihm sich zu bewähren. Hier kann der Mensch sich verschließen und verdunkeln in Angst, Trotz und Verzweiflung. Er kann sich flüchten in die abertausend Selbsttäuschungen der Jedermannswelt. Oder aber er findet den Weg ins transzendierende Vertrauen, den Weg seiner eigentlichen personalen »Antwort«. Die Grundbedingungen bilden also die eigentliche Chance der Reifung, konstellieren aber ebenso die Gefahren des Haderns, der existentiellen Verkrampfung und Verdunkelung, der Erkrankung des Menschen an seinem Menschsein selbst.
Hier setzt die Personale Psychotherapie ihre Auffassung der Neurose an. Die Unfähigkeit zu transzendierendem Vertrauen, das »Hadern« gegen die Grundbedingungen, steckt im Kern jeder Neurose, in deren verschiedenen Strukturen uns charakteristische Formen dieses Haderns begegnen. Das Hadern als solches pflegt weitgehend unbewußt zu sein und sich in die mannigfachen Symptome und Fehlhaltungen der Neurose zu verkleiden. Der moderne Mensch verdrängt weit weniger seine Triebe und Aggressionen, als er die existentielle Sinnfrage verdrängt, die ja unweigerlich an die Grundbedingungen führt. In seinen Träumen aber treten sie oft genug in seltsamen Bildern in Erscheinung, oder sie machen sich geltend in Stimmungen unbestimmter Angst, nihilistischer Verlorenheit. Vor allem aber begegnen ihm die Grundbedingungen ja im mitmenschlichen Du, dessen Schatten, dessen Begrenztsein in Zeit, Tod und Schuld er nicht »annehmen«, nicht verzeihen kann; wo es sich um Mann und Frau handelt, kommt es nach Rausch und Seligkeit oft genug zu jenem so traurigen Abbruch der Reifung aneinander, die die Grundbedingung des Geschlechts meint, in Entfremdung, Machtkampf, Untreue.
Jede Grundbedingung konstelliert ein ganzes Feld von Aufgaben menschlicher Reifung, denen auszuweichen in Bemächtigung oder Vermeidung, in die seinsmäßige Entwertung der Freude, der Liebe, der ursprunghaften Dankbarkeit für sein Geschaffensein als Mensch eben Neurose bedeutet. Mit diesen Aspekten existentieller Fragestellung umgreift das Menschenbild der Personalen Psychotherapie den ganzen Menschen und bietet die konkrete Anschauung für das Wesen der Neurose, welcher Struktur immer. Zugleich damit aber stellt sie den Heilungsprozeß unter einen hohen Anspruch.
Darüber, daß die Neurosen in der frühen Kindheit wurzeln, sind sich die verschiedenen Richtungen der Psychotherapie einig, wobei aber die verursachenden Momente verschieden bewertet werden. Die Personale Psychotherapie setzt hier den Begriff des Humanfeldes ein. In der Anamnese wird nicht allein die psychosoziale Familienstruktur erhoben, befragt wird vor allem die existentielle Gestimmtheit der entscheidend wichtigen Personen, der Mutter also und des Vaters, aber auch anderer Umweltgestalten, in deren Umkreis das Kind heranwächst und sich entwickelt. Auch bei unauffälliger »normaler« Erziehung können doch die atmosphärischen Strömungen sehr verschieden sein, die aus dem Lebensgefühl der Großen in die kindliche Seele einströmen, sie erfüllen mit dem Glück des Geborenseins, ihm die Welt lockend erscheinen lassen oder kalt und erschreckend. Wie antworten die Erwachsenen selbst, bewußt und unbewußt, auf die Grundbedingungen des menschlichen Seins und somit auch auf ihr Kind? Durch seelische »Osmose« teilen sich dem Kind, das ja a priori selbst ein personales Wesen ist, die unendlich mannigfaltigen Qualitäten solcher Grundstimmungen mit, und damit wird sein Urvertrauen genährt oder seine Urangst verfestigt. Diese existentiell-leibhaften Vorgänge wirken tiefer als die bewußten Erziehungshaltungen des familiären Kollektivs. So etwa die angsthafte Abwehr der Mutter, des Vaters gegen Tod und Zeit, ihre Bedrücktheit durch die Leistungsforderungen der Gesellschaft, der man nichts schuldig bleiben darf – wie tief und zwiespältig wirken sie schon auf die werdende Bewußtheit des Kindes ein. Insbesondere die Liebe zwischen den Eltern, ihr tiefes Verantwortlichsein füreinander oder aber Entfremdung, Haß, Verrat an der Grundbedingung des Geschlechts durchfärben die Ursprunghaftigkeit und den unbewußten Vorentwurf der kindlichen Seele.
In diesem Erfahrungsbereich werden von der Personalen Psychotherapie die Ansätze der vier hauptsächlichen Neurosenstrukturen gesehen (wobei die später ausgebildete Neurose meistens komplizierte Überschneidungen enthält, wie ja auch die Personen des Humanfelds kontrovers sein können). Was bei den Eltern noch in der allgemeinen Jedermannspsychologie, in der multilateralen Anpassung der Gesellschaft versteckt und integriert war, kann beim Kind verhängnisvollerweise einen Urkonflikt setzen und zur seelischen Erkrankung disponieren. Die kindliche Identität wurde verschüttet, vergrämt, kanalisiert oder exaltiert. Aber daß der Mensch seelisch erkrankt, sein Leiden an seinem verfehlten Menschsein erweist ja, daß der Kern nicht ertötet worden ist: Gerade darin liegt auch wieder der Wert der Neurose.
Hervorgehoben werden von der Personalen Psychotherapie das Humanfeld der Daseinsunlust, aus dem der Formenkreis der schizoiden Neurosen hervorgeht; das Humanfeld der Weltangst, das die vielfältigen Formen der Depressionsneurose erwachsen läßt; das Humanfeld der Menschensatzungen, das den Boden der Zwangsneurose bildet; und das Humanfeld des selbstherrlichen Ego, das die Neurosenformen der Hysterie begünstigt.
Im Humanfeld der Daseinsunlust werden die Grundbedingungen der menschlichen Existenz wie Fakten unter Fakten mit kühler Abständigkeit hingenommen, ohne antwortende Stimme, ohne fragenden Ruf des Cor humanum. Es gibt nichts Staunenswertes, nichts, das erschüttern würde, keine Fanale, die herausfordern, Probleme, die packen würden. Man lebt im Common sense den Stil der Gesellschaft, der man zugehört, den Stil einer – im Grunde unheimlichen – Langeweile.
Im Humanfeld der Weltangst aber belasten die Grundbedingungen das menschliche Gemüt als schwere Zumutungen der unbekannten Gottheit. Die Erde ist eben doch »Jammertal«; Vergils »sunt lacrimae rerum« könnte als Wandspruch dienen. Denn das Unglück unserer Endlichkeit, Vergeblichkeit, Schuld, der Wahnsinn des Lebens - sie alle besagen letzten Endes: Beuge dich. Dies Sichbeugen ist hier die Form des Haderns, wie im Feld der Daseinsunlust die »Langeweile«.
Das Humanfeld der Menschensatzungen setzt die Reifungschancen, die mit den Grundbedingungen gegeben sind, in Forderungen, in zu erfüllende Leistungen und Tugenden um. Das ewig quellende Geheimnis des Lebens wird hier eingefangen ins System fester Auslegungen, gleichviel ob religiösen, wissenschaftlichen oder politischen Inhalts. Der Mensch baut hier Sicherheiten auf, wo es keine Sicherheiten geben kann, baut Schutzwälle gegen die Gefahren der Freiheit. Durch seine festen Ordnungen, seine Gebote und Verbote hat er sich schon abgeschlossen gegen die lebendige Tiefe des Seins, die ihn doch immer neu befragt. Er hadert durch sein Rechthaben, durch seine wandlungsunfähige Starrheit.
Im Humanfeld des selbstherrlichen Ego macht sich der Mensch, und zwar der von Seinem Ich besessene, zum Maßstab aller Dinge, er vergötzt sich selbst. Ohne wirklich zu reifen, baut er sich auf als Träger von Werten, die er doch nicht in innerer Arbeit selbst erschlossen hat, als einen »Eingeweihten in die Mysterien«, deren Initiation er nicht erlitt. So ist seine »Identität« kernlos und deshalb von Beifall und Anerkennung der vielen abhängig. Die Form seines Haderns kann als existentielle Eitelkeit (im doppelten Wortsinn) bezeichnet werden, aber auch als usurpierende Bemächtigung der Wirklichkeit gegenüber.
Jede Neurose stellt eine lebensgeschichtliche Entwicklung dar, in der die schon im Humanfeld verkümmerte, verbogene Identität sich immer wieder mißverstand, in Enttäuschungen, Leiden und Krisen scheiterte und sich immer wieder suchte. Für den schizoiden Patienten, der auch als der »paradoxe Niemand« bezeichnet wird, ist charakteristisch das Grundgefühl seiner »Austauschbarkeit«, seines Mangels an Leidenschaft, an »Herz«, an Betroffenheit und Beteiligung: »Ich Könnte ebensogut nicht dasein.« Immer bleibt er abständig, dem Du gegenüber wie einem Kollektiv gegenüber, kann sich nie voll anvertrauen und rückhaltlos hingeben, immer ist es wie Glaswand um ihn. Aber daß er an diesem Zustand leidet, der Leidensdruck so groß wird, daß er den Psychotherapeuten aufsucht, weist ja auf die schmerzliche Entzündung des Wahrheitsgewissens in seinem Unbewußten, der doch noch wachen Identität, die zu ihrem Auftrag in der Welt heranreifen will, will und nicht will – kein Heilungsgeschehen ohne Krisen!
Die Sprache der Depressionsneurose, des »schwermütigen Haderns«, verrät uns oft, unter der Oberfläche von Gefügigkeit und Frömmigkeit, eine stille Wut auf Gott, Welt und Menschen. Zu schwer, zu unerträglich ist diesem Menschen die Unvereinbarkeit der Gegensätze von Leben und Tod, von Gut und Böse, von Glanz und Elend dieser Welt: »Ich möchte das Ganze sprengen« (oft mit Suizidwunsch verbunden). Sicher gibt es kaum einen großen, schöpferischen Geist, der nicht an der Tragik des Menschen, der Dunkelheit des Lebens gelitten hätte; aber er vermochte dies Leiden umzugestalten in seinen Werken. Der Depressive nimmt aber den großen »göttlichen Widerstand gegen die Welt« als ganz persönliche Kränkung, gegen die er sich unfruchtbar vertrotzt. Ein ums andere Mal beweist er sich, daß seine besten Absichten verhöhnt wurden, und dafür haßt er sich selbst. Nur in einer »Ewigkeit der Liebe«, einer »unendlichen Geborgenheit«, einer göttlichen Harmonie meint er Ruhe finden zu können und scheitert immer wieder an der enttäuschenden Realität. Aber die Wahrheitsstimme in seiner Tiefe sagt ihm unüberhörbar, daß sein Scheitern auf seinem Hadern beruht, daß er den schweren Weg der Versöhnung suchen muß, der Annahme seiner selbst und der Wandlung seiner selbst.
Die Anamnese des Zwangsneurotikers, des »erbittert Rechtenden«, läßt erkennen, daß Freiheit und Kreativität des Kindes in früher Lebenszeit erstickt worden sind. Forderung, Moralität, Leistungsanspruch kanalisierten das werdende kindliche Eigenwesen und zerstörten die Freude an eigener Erfahrung, neuem Spiel, am Wachstum durch Risiko. Nur das gehorsame Kind wird geliebt – und so ist die Welt gebaut! Sich durch Sicherungshaltungen gegen ihre Gefahren und Verführungen zu schützen wurde zum Prinzip der Vermeidung, aus dem das zwangsneurotische System entstand. Angst vor möglicher Schuld, auf die ja automatisch die Bestrafung durch das Schicksal folgen würde, unheimliche Angst vor dem »Bösen«, sei es außen, sei es innen, schränkt seinen Lebensradius ein durch immer mehr Verbotstafeln. Er kann nicht begreifen, daß seine »Schuld« gerade darin liegt, nicht schuldig werden zu wollen, immer sein kleines Ich salvieren zu müssen. Die Grundbedingungen sind ihm metaphysische Institutionen, denen er gehorcht, ohne sie zu er-horchen. Daß gerade die Grundbedingung der Schuld Reifung meint, Selbstfindung, Erstarken der Identität, diese Erkenntnis lehnt er ab. Und so muß seine quälende Bedrängnis ständig zunehmen.
Anders der Hysteriker (Bemächtigungsformen des selbstherrlichen Ego): Früh hat er gelernt, daß der bemächtigende Zugriff Erfolg verspricht, daß man, statt sich manipulieren zu lassen, die anderen manipulieren kann. Er dramatisiert die Grundbedingungen und weicht ihrem eigentlichen Anspruch dabei aus. Oft versteht er sich als einen Ausnahmemenschen, der in Höhen und Tiefen haust, wohin ihm die gewöhnlichen Sterblichen nicht folgen können, und dem auch anderes erlaubt ist. Durch seine »Liebe« macht er das Du zu dem Auserwählten, das ihn erhöht und das er fallen läßt, wenn es ihm nicht mehr applaudiert und die Rolle durchschaut, die er spielt. Denn die Wirklichkeit des Du anzunehmen hieße ja, auch für dessen Reifung mitverantwortlich zu sein, was nur im existentiellen Dialog der Liebe möglich ist. Nicht ohne Grund begegnen uns Konflikte der Sexualität gerade auf hysterischer Basis. Der Sinn der Polarität zwischen männlichem und weiblichem Menschsein wird umgesetzt in Berauschung und Genuß und oft in die Selbststeigerung der Perversion. Aber bei dem allem wächst das tief unbewußte Unglücklichsein, bis die Wahrheitsstimme zum Zusammenbruch der Lebenslüge führt. In verzweifelter Anklage straft er noch immer Gott und die Menschen dafür, daß er sich selbst den Weg der Reifung erspart hat.
In der Personalen Psychotherapie wird die Heilung der Neurose als ein Reifungsweg des Menschen aufgefaßt. Reifung hat viele Bedeutungsräume, die sich beim einzelnen je nach seiner natürlichen Anlage, seiner Lebensaufgabe und der möglichen Dynamik seiner existentiellen Vertiefung gestalten. Nichts weniger als Anpassung an ein Klischee von Normalität kann darunter verstanden werden, führt doch der Weg durch Krisen, Wandlungen und Entscheidungen und fordert oft genug Kampf, leidenschaftlichen Mut und Phasen der Einsamkeit.
Voraussetzung der Heilungsentwicklung ist nicht allein das Vertrauen des Patienten zu dem von ihm gewählten Therapeuten, sondern auch die echte personale Zuwendung des Therapeuten zu seinem Patienten, den er »annehmen«, gewissermaßen in seine eigene innere Geschichte hereinnehmen muß, um so auf ihn »antworten« zu können, daß lange festgefahrene Erstarrungen sich lösen. Auf die »existentielle Aufmerksamkeit« mit ihrer Verbindung von Intuition und Denken kommt es an, damit der Therapeut der produktive Partner werden kann, den der Leidende jetzt braucht. Was einstens im Humanfeld verstört und versäumt wurde, in der kindlichen Seele Zwiespalt setzte, in Selbstentfremdung und Lebensnot trieb, muß ja jetzt auf ganz anderer Lebensstufe neu verarbeitet werden und dies eben in der therapeutischen Kommunikation. Die Heilung der Neurose geschieht nie von außen her, etwa durch eine vom Therapeuten motivierte Veränderung bewußter Einstellungen. Sie kann sich nur ereignen in der Auseinandersetzung des Leidenden mit sich selbst, mit der eigenen Lebensgeschichte und nun vor allem mit dem Unbewußten. Wie in allen anderen Richtungen der Psychotherapie wird auch in der Personalen Psychotherapie entscheidender Wert auf die Aussage der Träume gelegt. Bekanntlich erlaubt die oft rätselhafte Chiffrensprache des Traumes jeweils mehrere Deutungen, dem komplizierten Wesen des Menschen und dem anthropologischen Bild des Deutenden entsprechend. In der Personalen Psychotherapie wird der Traum in seiner wesentlichen Funktion als »Erwecker aus dem Wesensschlaf« verstanden, d.h. die verdeckte Wahrheitsstimme der Persontiefe kann sich in ihm hörbar machen. Der Traum erinnert den Menschen an sich selbst, an die am meisten verleugneten Grundbedingungen seiner Existenz, an seine verlorene Freiheit, und rührt oft an religiöse Kräfte, die sich nie entwickeln durften oder früh programmiert wurden. Das Wer? des Traumes ist ja immer der Träumer selbst. Die anklingende Wahrheitsstimme in den oft erschütternden Bildern zu erhorchen, das kann im amplifizierenden Gespräch über den Traum zum Erlebnis werden. Auch ein Mensch, der sich niemals um religiöse Fragen gekümmert hat, kann sich dabei ganz spontan von einer religiösen Grenzerfahrung betroffen finden.
In der Auffassung des Unbewußten folgt die Personale Psychotherapie weitgehend der analytischen Psychologie C. G. Jungs, insbesondere in der Wertung der mythologischen Schichten von Bildern, Urbildern und Archetypen (s. Bd. III dieser Enzyklopädie). Doch sieht sie die heilende Intention der Träume (s. den Beitrag von M. Blöcker in diesem Bd.) wesentlich im personalen Anruf, im dadurch evozierten Reifungsschritt der Identität. (Gegen Archetypen kann man nicht hadern, wohl aber gegen die Grundbedingungen des Menschseins.)
Bestimmte seelische Kräfte sind es – sie werden von der Personalen Psychotherapie als »transzendierende Funktionen« bezeichnet –, die sich im Heilungsgeschehen aktivieren: Erinnerungskraft, Phantasie, Gemüt und Gewissen. Keine Selbsterkenntnis ohne Erinnerungskraft; die Momente des selbstgelebten Lebens, der eigenen Zeit, lichte wie finstere, tiefes Geöffnetsein eines ontischen Glaubens wie Verengung und Verlust bringt sie ins Jetzt ein. Die Wahrhaftigkeit der Selbstannahme ist wesentlich für Zukunft. Phantasie durchbricht die habituelle Seelenblindheit, die so oft Menschen von Menschen trennt, die sogar die Mutter ihr Kind, den Mann seine Frau nicht wirklich »sehen« läßt. Phantasie als transzendierende Funktion öffnet aber auch Auge und Ohr für alles, was Offenbarungscharakter hat in der Welt, für das Numinose in Natur und Kunst. Gemüt als transzendierende Funktion meint die Ursprungskräfte des Herzens, die Versöhnung schaffen von Mensch zu Mensch und die Welt trotz Tod und Bösem zur Heimat machen können. Als transzendierendes überschreitet das Gewissen die Enge der moralischen Genormtheit, wird sensibel für die Wahrheitsstimme, intuitiv für die unermüdliche Arbeit der Humanisierung des Menschen und der Menschheit, für die geheimnisvolle »Erziehungsarbeit Gottes« am Menschengeist. Durch die Aktivierung dieser Kräfte wird der Mensch sich durchsichtig in seiner Existenz, erfährt er sein Offenstehen in Transzendenz.
Kein Heilungsverlauf aber auch ohne Anstrengung, ohne »inneres Handeln«, »Übung im Menschsein«, die auch den Therapeuten mitbetrifft. In Schritten inneren Handelns müssen die neuen Impulse integriert, müssen Angst, Haß, Trägheit, Machtgier überwunden werden, alle die Hemmungen, die das spontane Leben einengen. Die Personale Psychotherapie schließt sich hier weitgehend der Auffassung der Ichhaftigkeit und ihrer Dressate von Fritz Künkel an.
Die Struktur des therapeutischen Gesprächs hat ihre strenge Besonderheit, entsprechend der mitmenschlichen Zuordnung der in dieser Arbeit Verbundenen. Seine Thematik bieten das breite Feld der neurotischen Konflikte des Leidenden und die Resonanz des Unbewußten, die oft zur wesentlichen Mitsprache der Träume wird. Der Therapeut hat sich in die besondere Welt seines Patienten einzuarbeiten, um sein »fruchtbarer Partner« werden zu können. Von sich selbst nicht sprechend, ist er doch in diesem Gespräch ganz personale Anwesenheit und Zuwendung, die Worte findend, die dem anderen ein Stück Erhellung, ein Umdenken, eine Horizonterweiterung aufleuchten lassen können, womit der neurotischen Selbst- und Weltinterpretation ganz andere und doch eigene Möglichkeiten entgegentreten. Nie spricht er als Autorität, kommt doch die Heilungsintention aus der unbewußten Persontiefe des Leidenden selbst. Daß der Patient in den Anfangsphasen auf den Therapeuten projiziert und überträgt, ist natürlich. In der Aufarbeitung all dieser Gefühlsstürme, Widerstände und Ansprüche tritt allmählich der Sinn der Übertragung hervor: Der von sich selbst Entfremdete sucht ja in der therapeutischen Begegnung die verlorene Dimension seiner eigenen Identität.
Der Therapeut steht zu seinem Patienten in unverbrüchlicher mitmenschlicher Solidarität. Über seine fachliche Ausbildung hinaus sollte er innerlich geschult sein durch Kunst und Natur, durch Geschichte und Philosophie und durch die großen Reifungsmodelle der Religionen; er sollte bewandert sein in den Mythen und Märchen der Völker und differenziert durch das Miterleben der großen Gestalten, die das Bewußtsein der Menschheit erweiterten und beschenkten. Aber auch seiner eigenen personalen Entwicklung wird er lebendig inne sein, um Not und Mühe des Partners ermessen zu können. Kennt er doch als lebendiger Mensch die Verdunkelungen und Erhellungen der Seele, die Gefahren und Rettungen, durch die ein Reifungsweg geht. Er weiß um Anstrengung und Geschenk dieses Weges. So ist er nie der Überlegene, vielmehr der therapeutische Mitmensch, auf den in unserer immer seelenloseren Zeit der Patient ja auch hofft.
LITERATUR
- Herzog-Dürck, J.:
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Zwischen Angst und Vertrauen, Probleme und Bilder aus der psychotherapeutischen Praxis. Nürnberg: Glock & Lutz 1953, ^2^1957
Menschsein als Wagnis. Neurose und Heilung im Sinne einer personalen Psychotherapie. Stuttgart: Klett 1960
Probleme menschlicher Reifung. Person und Identität in der personalen Psychotherapie. Stuttgart: Klett 1969
Die Arbeit der Seele. Das Erlebnis der Heilung im psychotherapeutischen Prozeß. Aus der Praxis der Personalen Psychotherapie. Hamburg: Furche 1972
Michel, E., Sborowitz, A. (Hg.): Der Leidende Mensch. Personale Psychotherapie in anthropologischer Sicht Darmstadt: Wiss. Buchges. 1960
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erschienen als Personale Psychotherapie und religiöse Erfahrung in Condrau, G. (Hg.), 1979, Die Psychologie des 20. Jahrhunderts, Bd. XV: Transzendenz, Imagination und Kreativität, S.302-309 ↩︎