Die Schuld
Johanna Herzog-Dürck, 1969
Die Grundbedingung der Schuld nimmt im Hinblick auf Identität, und Person eine Sonderstellung unter den vier von uns herausgearbeiteten Grundbedingungen ein. Betrifft sie doch nicht eine ontisch gegebene Naturordnung, zu der der Mensch sich so oder so verhält, verdeckend, sich ängstigend, oder geschichtlich reifend, stellt sie doch vielmehr das sittliche Sein von Mensch zu Mensch und des Menschen zu sich selbst ins Licht. Zwar meint jede Grundbedingung letzten Endes den Menschen, sie alle laufen im Menschen zusammen. Aber die Grundbedingung der Schuld läßt die unlösbare Frage des Bösen, die Ordnungen und Unordnungen des menschlichen Zusammenleben m ihrer ewigen Tragödie ins Bewußtsein treten. Was meinen wir dana unter der Reifungsthematik der Schuld? Offenbar gibt es ein Erstarken von Identität und Person trotz, an und mit der Schuld, ebenso aber ein Scheitern von Identität und Person im alldurchdringenden Gewirke der Schuld, der Schuld des Menschen am Menschen, der Schuld aller Menschen vor dem Sein. Das altnordische Wort skult bedeutet Sollen. Sein Leistungssoll erfüllt der moderne Mensch als Funktionär der Gesellschaft. Aber sein »existentielles Soll«? Kann das ein Mensch je erfüllen?
im Bereich der psychoanalytischen Theorie rangiert die Schuld da, we das Triebverzicht erfordernde Über-Ich durch einen Durchbruch des Es beleidigt worden ist und zu Repressalien greift, die sich im Strafbedürfnis äußern. Diesem System gegenüber stellt die Schuld als personales Phänomen die Lebensordnung des Vertrauens von Mensch zu Mensch ins Blickfeld und andererseits die mannigfaltigen Ausfallserscheinungen und Schädigungen, um nicht zu sagen die katastrophalen Verfallserscheinungen des gesamten humanen Seins.
Im allgemeinen hört der moderne Mensch das Wort Schuld ohne tiefere Resonanz. Der eine denkt dabei an Sünde und Beichtstuhl, der andere an Hypothekenbank und Kreditanstalt, der dritte an Staatsanwalt und Verbrecher, ein vierter an das ethisch-moralische Wertsystem von Gut und Böse. Die meisten werden sagen: »Wir sind alle eingespannt und genormt, begehen Fehler und Irrtümer und bezahlen dafür. Schuld ist ein veralteter Komplex aus der Zeit der Religion des Vatergottes. Der Mensch ist der Gesellschaft schuldig, daß er sein Leistungssoll erfüllt und die Gesetze achtet.«
Mit dem Begriff der Schuld aber tritt die Psychotherapie in das intime und gefährliche Gebiet der Chance und Bedrohtheit des Menschen als Identität und Person – Chance und Bedrohtheit durch den Menschen. Mit jeder Anamnese eines Patienten, mit jedem Traumprozeß haben wir in das tiefe Wurzelgeflecht der Mitmenschlichkeit hinabzusteigen. Es scheint uns, daß die energetischen Mischungen und Entmischungen von libido und destrudo phänomenologisch die unendliche Fülle der menschlichen Gefühle, Affekte und Emotionen, der existentiellen Geschehnisse zwischen Mensch und Mensch, Mutter und Kind, Vater und Kind, Mann und Frau nicht aussagen. Die Neurose aber, in der komprimierten Sprache ihres Leidens, weist unbarmherzig auf das hin und enthält das alles in nuce, was real in der Lebenszeit und insbesondere deren Anfängen von Seele zu Seele geschah. Wenn man nach einem Lehrbuch für die Grundbedingung der Schuld fragen würde, so gäbe es bloß eines, nämlich die Weltliteratur selbst. Breitet sie nicht, beim Mythos angefangen, von den frühesten Kunden und Legenden durch alle Zeiten, Sprachen und Völker bis in die Gegenwart, von den Götterkämpfen der Urzeit, Indras Hochmut gegen Brahma, dem Aufruhr der Titanen gegen die neuen Götter bis zu Sophokles’ und Shakespeares Dramen, von Kain und Abel bis zu Dostojewskijs »Dämonen«, von Balzacs Sittengemälden bis zu Bekkerts Landstreichern, zu Brechts und Hemingways Gestalten das ewige Thema menschlicher Schuld, der Erstarrung in Macht, des Unfriedens, der Gier, der Gewalt und des Tötens in jeder Form von uns aus? Unser Patient tritt mit seinem Gezeugt- und Geborenwerden in einen winzigen Ausschnitt dieser ruhelosen Geschichte ein. Seine Konstitution, seine natürlichen Anlagen körperlicher und seelischer Art und die menschlichen Gesamtcharaktere der Gruppe, in die er hineingeboren wird, bilden sein erstes Schicksal, bilden die Musik der Welt, die ihn empfängt und umgibt. Wie sieht unter dem Aspekt von Person und Identität das menschliche Scheitern an der Grundbedingung der Schuld in der Gestalt der Neurose aus? Wir wissen ja, daß wir das Wesen der Neurose nicht vollständig erfassen, wenn wir sie einfach als Krankheit bezeichnen, und ebensowenig, wenn wir sie unter dem Begriff der Schuld einordnen würden. Aber ebenso evident erfahren, und erleben wir mit jedem neurotischen Menschen sein Versagen und Verzagen an der Schuld qua Grundbedingung der menschlichen Existenz, sein ewiges Mißverständnis der Schuld als des puren moralischen Defekts und seine Unfähigkeit, die Sprache der Grundbedingung Schuld in das Reifen seiner Identität hereinzunehmen. Wenn das Kind in seiner schöpferischen Lebendigkeit erstarrt, so sind die Ursachen dieses Erstarrens zweifellos zunächst bei den bestimmenden Gestalten der kindlichen Umwelt zu suchen. Und dennoch ist der geheimnisvolle Anteil des Kindes, sein Antworten auf die Wirkströme, die es umgreifen, stets aktual in die Entwicklung eingewoben. Das Schicksal kann ein Kind in eine harmonische, friedvolle Umgebung eintreten lassen, in der die Schulderfahrung in einer ganz anderen Weise zum Problem werden wird, als wenn das Kind in einer Umwelt antritt, die von seelischen Spannungen geladen ist und in der das Kind vom Erwachen seines Bewußtseins an die seelische Atemluft menschlicher Tragik und menschlicher Schuld zu atmen hat. Die Verhärtung, Verarmung, Versteifung der Eltern, die sich auseinandergelebt haben, das aufgestaute Nicht-mehr-verzeihen-Können, die Demütigungen und das Leid, das sie einander antun, die Beschämung, die sie sich zufügen, den unversöhnlichen Groll, den sie gegeneinander und gegen die Welt hegen, das alles bildet die seelische Atemluft. Das Kind richtet sich auf am Gitter seines kleinen Laufstalles und ist Zuschauer: so ist also der Mensch, so ist also die Welt. Weit vor jedem Begreifen spürt es doch die Lieblosigkeit, die sich auswirkt, wenn nicht an ihm selbst, dann vielleicht an einem der Geschwister, vielleicht an den Großeltern oder an Angestellten im Hause.
Unaufzählbar viele Momente greifen ineinander, um die Tonart eigenen ersten Schuldigwerdens des Kindes als bewußte Erfahrung zu modulieren. Das Erfahren eigener Freiheit, eigener Verantwortung eigenen Als-Person-Handelns und Als-Person-genommen-Werdens bildet wieder Chance und Bedrohung der kindlichen Identität. Hier wird sich entscheiden, ob das Kind im Schuldigwerden am Mitmenschen erstmalig das Du, die Tiefe des personalen Raumes ahnungsweise erlebt. Wird das Kind nur erfahren: durch meine Aggression habe ich ein Gesetz übertreten, und darauf steht Strafe? Also muß man sich entsprechend anpassen. Oder wird in dem Kinde ein ahnendes Wissen erweckt um Ordnungen der Liebe, um die Freiheit des anderen wie um die eigene, ein Wissen, daß der Mitmensch nicht manipulierbar ist, daß man sich aber versöhnen kann, wenn man einander verletzt hat, und diese erneuernde Kraft vom einen wie auch vom anderen ausgehen kann? Damit würde der Ansatz von Identität and von personalem Antworten im Kinde geschützt und gekräftigt. Gewissen entwickelt sich nicht nur im Sinne des Repressalien fordernden Über-Ich, sondern im Sinne der Sensibilität für das lebendige Humanum.
»Man hat mich einfach nicht Mensch werden lassen«, klagt etwa ein in der Lebensmitte stehender Patient. »Man hat mich nicht der werden lassen, der ich hätte werden können, mir Freiheit versagt, meine Impulse verbogen, mich überfordert durch die Angst, die Zuwendung von Vater und Mutter zu verlieren, wenn ich mich nicht unterordnete, wenn ich eigene Wege gegangen wäre. Und genauso ist das noch heute, immer lebe ich in der Angst, die Gunst der Autoritäten zu verscherzen.«
Auf die Frage, ob es denn nie einen Punkt gegeben hätte in der Kindheit, in der Pubertät oder als Erwachsener, an dem er hätte rebellieren können, gibt er zur Antwort: »Als Kind hätte man mich geprügelt, wenn ich Schwierigkeiten gemacht und den Ehrgeiz meiner Ehern nicht befriedigt hätte. Bald war es aber mein eigener Ehrgeiz. Ich wäre in ein Nichts versunken, wenn ich unter eine Schularbeit keine Eins bekommen, wenn ich nicht Klassen-Primus gewesen und das Abitur als Bester bestanden hätte. Und später hätten meine Vorgesetzten mich nicht befördert, was sie dank meiner Gehorsamshaltung in hohem Maße taten. Nur – bin ich eben kein Mensch.«
Auf den Einwand, er habe doch sicher von Zeit zu Zeit gespürt, worauf es wirklich angekommen wäre, um Mensch zu werden, gibt er zu bedenken; »Aber die anderen, die ganze Gesellschaft! Alles tote Routiniers, denen es nur um Position und Prestige geht!«
»Sie beugen sich also fortwährend weiter, Sie beugen sich vor den Mächten und zanken sich im Inneren mit denen, die dasselbe tun. Auf die Gloriole der Perfektion haben Sie größten Wert gelegt, und Ihre Aggression scheint sich dahin auszuwirken, daß Sie klüger sind als jedermann.«
»Ja, und dabei bin ich namenlos verdrossen. Meine Muskeln verkrampfen sich, mein Gang ist stocksteif, mein Magen mag nicht mehr. Mein Gedächtnis läßt nach.«
»Woran denken Sie meistens, bevor Sie einschlafen?«
»Oh, da kann es mich gelegentlich überkommen. Da sind dann die anderen und insbesondere die Frauen die nackten Objekte, an dene ich mich austobe, Das will ich zwar nicht, aber es passiert mir.«
An einem solchen Beispiel sehen wir, wie es einem Menschen nicht gelingt, das Schuldigwerden als eine kreative Erfahrung zu bestehen, Sein Gewissen wurde zum Anpassungsorgan, seine Identität bestand im Schulzeugnis und besteht gewissermaßen noch heute darin. Deutlich tritt die Amalgamierung von Schicksal, Schuld und Neurose hervor, unter der seit früher Kindheit die abgründige Angst sich hinzieht: die Angst, er selbst zu werden und den Mitmenschen zu verlieren, die Angst, nicht er selbst zu werden und den Mitmenschen erst recht zu verlieren. Die Schuld bestand und besteht darin, nicht schuldig werden zu können.
Das Beispiel zeigt nur eine der vielfältigen Möglichkeiten, wie der Mensch als Kind schon um die fruchtbare Erfahrung der Schuld als Grundbedingung existentiellen Reifens gebracht werden kann und sich selber weiter darum bringt. Die Schuld des Nicht-schuldig-werden-Könnens saugt die personale Identität auf und macht den Menschen zum gleichmütigen Teilstück einer Sozietät, auf deren Erstarren er schmerzhaft reagiert und zu deren Erstarren er doch beiträgt. Als Leiden aber, gerade als Leiden zeigt die Neurose an, daß etwas in ihm explodieren möchte, aber oft, wie in diesem Beispiel, nur noch explodieren kann in frustranen Attacken des Unbewußten.
Verschüttet ist die existentielle Aufmerksamkeit der Seele, mit der ein Mensch seinen Mitmenschen überhaupt anschaut, um unter der Maske sein Leid wahrzunehmen. Und so erklingt kein Sonans-sein, keine Resonanz mehr, weder in innerer Geschichtlichkeit noch in der Phantasie, weder im Gemüt, noch im Gewissen. Dostojewskijs berühmtes Wort: »Alle sind an allem schuldig« läßt uns seine Wahrheit heute mehr denn je und rund um den Erdball verspüren. Aber wie verschieden antwortet das Gewissen der Menschen und der Völker darauf! Die Not, die ein sensibles aber wahres und nicht verängstigtes Gewissen bereitet, führt niemals in die Neurose, sie führt zum Lebensweg der Tat. Wo aber die Gewissensstimme als tiefste Wahrheitsstimme abgedeckt wird, da muß Neurose entstehen. Immer ruft die Grundbedingung der Schuld in die Krise der Selbstwerdung und in die Krise des Vertrauens, die gerade der religiöse, besser der sich für religiös haltende Mensch so oft nicht durch das Erstarken der Identität bestehen kann. In aufgeschreckter Angst und Verzweiflung bangt er nur noch um die Garantien seines Seelenheils und seine »ewige Rettung«. Er vermeidet das Leben und fühlt die Lieblosigkeit nicht mehr, die seine wirkliche Schuld ist.
aus Herzog-Dürck, J., 1969, Probleme menschlicher Reifung, neuaufgelegt 1984 als Grundströmungen der Lebensangst.