J. Herzog-Dürck: Das Geschlecht als Grundbedingung

Posted in republications by sebwin - 22.06.2026

Das Geschlecht als Grundbedingung

Johanna Herzog-Dürck, 1969

An der Grundbedingung der Zeit manifestiert sich die personale Identität im Tun und im Werk des endlichen, sich seiner Geschichtlichkeit bewußten Menschen. Die Grundbedingung des Todes ruft die Wer-bin-ich-Frage an, deren Dunkel sich nur einem transzendierenden Vertrauen zu erhellen vermag. Wo Schuld als Grundbedingung verstanden wird, kann der immer »schuldige« und doch freie Mensch zur Selbstannahme, zur Reifung seiner Identität gelangen. Jetzt haben wır uns zu fragen, was die Grundbedingung des Geschlechts uns empirisch aufweist für Person und Identität. Was meint Geschlecht als Grundbedingung, Geschlecht im Aspekt von Grundbedingung?
Als biologisch-kausaler und biologisch-sozialer Bereich ist uns das Geschlechtsleben des Menschen weitgehend bekannt; seine Störungen und Irrungen stellen das Hauptkontingent der tiefenpsychologischen Analysen dar, die durch Freuds bahnbrechende Funde und fruchtbare Hypothesen ihre Richtlinien erhielten. Auf dieser Basis hat die Forschung unermüdlich weitergearbeitet. Die Thematik des Geschlechts als soziale Rolle ist insbesondere von Alfred Adler untersucht worden. Werden doch Schicksal und Charakter eines Menschen von seiner »Geschlechtsrolle« und der Frage, wie weit er sie erfüllt, welche Grenzen Konvention und Sozietät der Auffassung dieser Rolle setzen und wie weit er sich dadurch determinieren läßt, entschieden beeinflußt. Die Gefahr des Klischees, der Meinungsbildung und Vorurteil, ist auch in unserer sich so frei dünkenden Zeit noch keineswegs aus der Welt geschafft. Heute liegt die Richtung der Meinungsbildung bekanntlich oft umgekehrt als in der vorigen Epoche: »Ich darf unter keinen Umständen ›unerfahren‹ sein.«
In einer anderen Dimension liegen für C. G. Jung die entscheidenden Probleme der menschlichen Liebesbeziehung und deren Störung. Jung faßt die Beziehung der Geschlechter unter der Dominanz der im kollektiven Unbewußten wirkenden Archetypen, der in der phylogenetischen Entwicklungsgeschichte entstandenen »Prägungen« auf. Die Urbilder von Animus und Anima wirken tief in das Liebeserleben der Geschlechter hinein. Nicht ubiquitär und quantitativ treten die Hormone der geschlechtlichen Anziehung beim hochspezialisierten Homo sapiens in Kraft. Vielmehr sucht und wählt das Unbewußte den passenden Träger für die Projektion des Archetypus, dessen gewaltige Wirkung die erotische Faszination des Bewußtseins auslöst. Wo die Archetypen unbewußt bleiben und nicht durch die Entwicklungsschritte der natürlichen oder der analytisch geleiteten Individuation dem Bewußtsein assimiliert werden, kommt es gegebenenfalls zu deren Projektion und damit zu den mannigfachen Konflikten und Nöten, die das reale Zusammentreffen der Partner in der praktischen Wirklichkeit zeitigen muß.
Gerade hier setzt die personale Psychotherapie mit ihrer Frage nach dem Geschlecht als Grundbedingung und das heißt als dem ermöglichenden Grunde personaler Identität in der Gegenseitigkeit von Mann und Frau ein. Wie es um die Wirklichkeit des cor humanum als schöpferischer Antwortkraft auf das Du und speziell auf das gegengeschlechtliche Du bestellt ist, dies Thema, das doch die breite Fülle des menschlichen Erlebens umfaßt, ist bisher noch wenig ins Gesichtsfeld der Tiefenpsychologie getreten. Die personale Liebe aber ist ein »Erlernen« des Menschseins von Mann und Frau an- und durch einander, eine »Übung im Menschsein«1. Die Begegnung der Geschlechter in der Wirklichkeit der Liebe als Lebensgestaltung, also nicht nur im Bereich von Sexus, Eros, Gesellschaft und archetypischer Faszination bestimmt die entscheidenden Reifungsfelder des Lebens. Einsamkeit, Verarmung und Verzweiflung des Menschen haben ihre Wurzel oft genug nicht im Versagen der sexuellen Funktion und werden auch durch den Verlegenheitsbegriff der emotionalen Hemmung nicht gedeckt; sondern da liegt ein Versagen der Bereitschaft von Mann und Frau zueinander vor, als einer die ganze Existenz tragenden Kreativität des Geistes und des Herzens. Auf dieser »Kraft« beruht die sich wechselseitig konstituierende personale Identität von Mann und Frau, nicht eben als Mensch schlechthin, sondern in ihrem männlichen und weiblichen Menschsein. Durch den sexuellen gegenseitigen »Lustgewinn« ist diese produktive Kraft noch nicht gewährleistet; vielmehr läßt sich das Faktum, daß es »im Sexuellen nicht klappt«, sehr oft auf die tief im Unbewußten verankerte Blockierung der »Aufmerksamkeit« vor der Tiefe der Grundbedingung zurückführen. Wenn die Archetypen ausgespielt haben, wenn die Projektionen zurückgeflossen sind, dann wird das große Problem erst sichtbar. Aus sexueller Reparatur einer Triebfixierung kann Liebe nicht aufgebaut werden. Aber auch die Bewußtmachung von Animus und Anima bringt sie noch nicht hervor.
Wenn wir uns das Liebesleben der heutigen Jugend ansehen mit seiner Ungebundenheit, seinem freien Manipulieren von sexueller Lust und deren Folgen, seinem scheinbar so souveränen Austausch der Partner, so vernehmen wir in dieser Sprache verborgen gerade die Sehnsucht nach der echter Partnerschaft, die ein Reifen zueinander durch ein Leben hindurch verspricht. Blicken wir auf das beträchtliche Feld der unglücklichen und scheiternden Ehen, so bilden in der Regel nicht die Disharmonien im Sexuellen die Ursache des Unheils, sondern sie stellen bloß den Ausdruck des tieferliegenden Unheils dar. Das Unheil selbst aber liegt darin, daß die Bereitschaft, sich aneinander zu wandeln, daß das Reifungsgewissen des einen für den anderen fehlt. Denn männliches Menschsein erwacht erst wirklich in ständig sich differenzierender und vertiefender Antwort auf das weibliche Menschsein. Weibliches Menschsein konstelliert sich am männlichen zu seiner erhellenden Kraft und schenkenden Fülle. Der Trend zur Untreue, der fade Kompromiß, man müsse doch auch einmal sexuelle Abwechslung haben, die ja heute kein Problem biologischer Natur mehr einschließt, sie machen doch nur offenbar, wie traurig verödet Mann und Frau sind, die sich keine bergende Heimat in der verflachten und programmierten Welt mehr schaffen können, das Geschenk des Daseins, das sie durcheinander empfangen, nicht mehr feiern und in den unzähligen Schritten des Lebens das Glück der Kommunikation nicht mehr ernten.
Als Geschlechtswesen erfährt der Mensch sich in seiner Partikularität, als partikulares Menschsein und damit in seiner Angewiesenheit auf das erfüllende Menschsein durch das andere Geschlecht. Eros ist der Wegbereiter dieser Erfahrung. Nicht umsonst sieht der fromme Grieche der Blütezeit Eros als Gottheit. Die göttliche Macht des Eros erzieht den jungen Menschen, der sich ihr nicht verschließt, durch die langen Jahre des Suchens, Entbehrens, der Beglückung und Enttäuschung, der Not und des Einsamseins zur Kraft der »Orientierung«, und das heißt ja wörtlich zum Finden des »Aufgangs der Sonne«. Wo der junge Mensch aber bloß lernt, seine sexuelle Anlage als Apparat zu möglichst hohem Lustgewinn auszubauen und einzusetzen, da ist Eros als Gottheit ferne. Da ist aus der Grundbedingung des Geschlechts mit ihrem tiefen Anruf zur numinosen Erschütterung durch das Wunder des Lebens, zur wechselseitigen Hilfe im Menschsein, da ist aus dieser fundamentalen Möglichkeit, das ganze Leben in den großen Entwurf der Polarität der Identitäten zu stellen, der kleine hybride und letzten Endes traurige Kampf um den sexuellen Augenblicksgenuß am austauschbaren Objekt geworden. Die lebensgestaltende, die Tiefe des Gemüts für die Welt öffnende Macht der echten Liebesgemeinschaft entschwindet wie eine Fata Morgana, und es bleibt der öde Alltag mit seiner Langeweile, seinen Ängsten und Ärgernissen und mit der Masse seiner neurotischen Symptome.
In zahlreichen Gestaltungen der hinduistischen Tradition finden wir Shiva und Shakti, das männliche und das weibliche Prinzip des Absoluten, im antagonistischen Spiel, in der interlocutio aeterna des Absoluten mit seinen beiden Wesensseiten dargestellt2. Aus dem gewaltigen Schöpfungsgedanken des Lebens sich zu verstehen durch die Offenheit des Herzens, in das unendliche Gefüge der Natur sich hineinnehmen und in ihm erfüllen zu lassen als liebender und wissender Mensch, der den Strom des Lebens weiterträgt, das sagt die Sprache der Grundbedingung des Geschlechts. Birgt sie die höchste Seligkeit, so birgt sie doch auch die Abgründe des menschlichen Unglücks. Aus keiner Grundbedingung, wenn sie eben nicht als solche erfahren werden kann, geht so viel Jammer, Leid und Verzweiflung für die Menschen hervor wie aus dieser. Ein Blick in die praktische Realität unserer Gesellschaft wie in die der Kulturgeschichte und Dichtung — und wir finden unter Unzähligen kaum einen, der nicht die schwerste Identitätskrise seines Lebens aus diesem Bereich heraus zu bestehen hat. Fast jeder unserer Patienten stellt uns als Therapeuten vor dieses Problem.
Daß die ersten »Weichenstellungen« zum Liebenlernen sich in der frühen Kindheit, im Humanfeld mit seinen prägenden seelischen Wirkströmen finden, bedarf keines Aufweises mehr. Wo Phantasie, Gemüt und Gewissen verstellt sind, da wird nicht gefragt, wie das Kind als ein zutiefst emotionales und a priori geistiges Wesen seine Eltern in ihrem wahren Liebesbezug erfährt und erlebt, und welche Grundgestimmtheit von Welt und Mensch sich ihm dadurch mitteilt. Aus diesen Realitäten bilden sich aber die exemplarischen Erfahrungen dessen, was der Mensch für den Menschen ist. An ihnen ahnt schon das Kind, in welche sozialen, aber auch in welche transzendenten Räume der Mensch überhaupt hineinragt, und wie er sie beantwortet und besteht. Wir dürfen nie vergessen, daß die mann-weibliche Polarität nur Modell ist, für alles, was in der Welt zur Liebe aufruft; das Sein von Frau zu Frau, von Mann zu Mann, vom Reichen zum Armen, vom Mächtigen zum Schwachen, von Alter zu Jugend und von Jugend zu Alter wird in ihm ja mit angestrahlt. Aus dieser Tatsache aber komponiert sich wieder die Angst oder die Freiheit, die Schwere oder die Freude, die Dumpfheit oder die Intelligenz der Frömmigkeit, mit der die Menschen Leib und Geschlecht auch des Kindes beantworten. Das »Triebschicksal« ist doch immer das Schicksal des Menschen, der den Trieb hat, und ist also ganz hineingestellt in die Aufmerksamkeit und Obhut der Liebe. Daß dies alles nicht eine Sache der intellektuellen Bildung ist, bedarf wohl keines Hinweises. Die einfachsten wie auch die differenziertesten Eltern können Gemüt, Gewissen und Phantasie in einander und im Kinde wohl entwickeln wie auch verderben, Gemüt, Gewissen und Phantasie als die eigentlichen »Organe« des Liebenlernens.
Existentielle Reifung in der Kommunikation des Polaren — mit dieser Wendung ist alles angestrahlt, was die Grundbedingung des Geschlecht mit Mann und Frau meint. Wer diese erschütternde Initiation nicht besteht, kann nicht in das tiefste Geheimnis eingeweiht werden. Wer das große Wagnis vermeidet, wer im andersgeschlechtlichen Du nicht auch alle anderen Grundbedingungen mitbejaht, im Geliebten auch das Nichts erträgt, Endlichkeit und Sterblichkeit, Zeit, Schuld und Tod in ihm annimmt, der lebt vorbei an der »Gnade«. Der macht das unerschöpfliche Thema des Erlernens der Liebe zu einem Schulaufsatz, für den er eine gute oder schlechte Note erhält. Impotenz und Frigidität, die Störungen der Orgasmusfähigkeit, die Fixierung auf sadistischer und masochistischer Stufe im Bereich des Sexuellen, wie auch die sexuelle Unersättlichkeit und die totale Abneigung gegen den Bereich der Sinnlichkeit, sie alle reichen mit einem weitverzweigten Wurzelwerk in sehr frühe Lebenserfahrungen zurück. Sie alle weisen einen biologischen Aspekt auf, aber auch einen biographischen. Während der biologisch-genetische Aspekt deutlich gesehen wird, wird der biographische meist nur in schematischen Umrißlinien dürftig erkannt, aber nicht aus den schwerwiegenden Valenzen des vielschichtigen Humanums, nicht aus der Seele selbst in ihrer lebendigen Wirklichkeit verstanden. In existentieller Analyse erweist jede dieser Störungen sich als ein in langer Geschichte erworbenes Hadern gegen oder Scheitern an der Grundbedingung des Geschlechts; jede ist Ausdruck des Verstummens und Erblindens vor Person und Identität.


aus Herzog-Dürck, J., 1969, Probleme menschlicher Reifung, neuaufgelegt 1984 als Grundströmungen der Lebensangst.


  1. J. Herzog-Dürck, Menschsein als Wagnis, Stuttgart 1960; bes. die Kapitel »Die Idee der Heilung« und »Das innere Handeln«. ↩︎

  2. H. Zimmer, Mythen und Symbole in Indischer Kunst und Kultur, Zürich 1951, bes. das Kapitel »Die Juweleninsel«. ↩︎