J. Herzog-Dürck: Glaube – als Konfrontation mit dem Dunkel

Posted in republications by sebwin - 22.06.2026

Glaube – als Konfrontation mit dem Dunkel

Johanna Herzog-Dürck, 1972

Glaube – Konfrontation – Dunkel. Alle drei Worte enthalten Stufen und Dimensionen, sie wandeln sich in ihrer Bedeutung, wenn man sie bedenkt, und sie wandeln sich in ihrer Beziehung zueinander. In immer wechselnden Situationen werden wir mit „Dunkel” konfrontiert, kommt „Dunkel” anders auf uns zu und verlangt eine andere Antwort von uns. Jeweils wird die Konfrontation eine andere Dynamik haben müssen. Denn der Mensch ist nun einmal dem Licht zugewandt.
Die Sprache verwendet das Wort Glauben unbedenklich in mehreren Bedeutungen. Ich glaube, sagt man im Fall einer Ungewißheit, die sich durch Information und Erfahrung bereinigen läßt. Schwergewichtiger wird der Glaube, wo es um Überzeugung, zum Beispiel um politisches Bekenntnis geht. Aber erst, wo der Bereich des jeder Erkenntnis und jedem Willen Unzugänglichen beginnt, da bekommt das Wort Glauben seine ihm ganz eigentümliche und zugleich geheimnisvolle Bedeutung.
Schon im Bereich der wissenschaftlichen Erkenntnis bedarf es einer Initiative von Glauben. Aus ihr formt sich die fruchtbare Hypothese aus, die der Arbeit des Forschers den Weg weist. Das Pathos des Glaubens an die Beweisbarkeit eines noch dunklen Zusammenhangs inspiriert die Intuition. Hier beruht die Konfrontation mit dem Dunkel auf der Auseinandersetzung mit dem „Noch-nicht” der Erkenntnis. „Ich glaube, daß die Himmelskörper im Weltraum zählbar sind.” – „Ich glaube, daß dieser dunkle Abschnitt der Ur- oder Vorgeschichte sich aufklären lassen wird.” Glaube bedeutet hier die durchhaltende Bereitschaft zum Beobachten und Experimentieren, zum Lernen und Umlernen, sogar zum Irrtum, der fruchtbar sein kann. Da gilt nur die unermüdliche, ja oft heldenhafte Anstrengung. Man denke zum Beispiel an die Polarforscher, man denke an einen Kepler, der durch unermüdliche Beobachtung die ersten Gesetze der Planetenbewegung erkannte, an die beiden Curies, die in ihrem Labor die ersten radioaktiven Elemente feststellten, an die ungezählten Namhaften und Namenlosen, die das menschliche Wissen bereicherten. Keine Erfindung, keine Entdeckung ohne die Idee, an die einer glaubt! Gewiß, es gibt genug Forscher, die für das Geld der Industrie arbeiten; an diese denken wir hier nicht. Wir denken an den Glauben des von der Verschlossenheit des Objekts selbst Gepackten, der sich selbst vergißt um der Sache willen. Da wirkt die schöpferische Unruhe des Erkenntnisdranges, die ihre Impulse empfängt aus der immer neuen Spannung vor der Unendlichkeit des erfahrbaren Seienden – dessen „An-sich” doch der Erfahrung als solcher verschlossen bleiben muß. Der Forscher arbeitet also am unbegrenzten Feld des Dunkels, das, obzwar dunkel, doch in der Überwindung des Noch-nicht als grundsätzlich erhellbar angesehen werden darf.

Eine ganz andere Dimension der Worte Glaube, Dunkel und Konfrontation tut sich auf, wo unser Blick sich auf den Menschen, die Welt des Menschlichen richtet. Da tut sich auf die Dimension von Not, Angst, Schuld und Leid. Kriege und Grausamkeit, Gefängnisse und Verfolgungen, Diktaturen und Folterungen – die Irrenanstalten, die Slums, die Drogen – die Rasereien des Hasses und der menschlichen Leidenschaften, Elend und Armut, die Unterdrückung von Rassen – die mörderischen Zwänge, die Mann und Frau, die Kinder und Eltern einander antun, die Völker einander antun, die Einsamkeit der Ausgestoßenen! Dies Dunkel ist wie ein Schrei. Die Konfrontation mit ihm ruft Entsetzen hervor. Mancher wendet sich ab, einem ungestörten oder vermeintlich ungestörten Lebensgenuß zu. Aber die Konfrontation will kreativ werden, sie appelliert an das Gewissen des Menschen, sie will ein Schaffen herausfordern, sie raubt den Schlaf, sie will Tat. Sie zündet einen Glauben, den Glauben an den Menschen – trotz allem! das Vertrauen auf den Menschen –, seinem Dunkel zum Trotz.
Wo die Konfrontation mit diesem Dunkel zum Glauben wird, da geht es um ein wahrhaftes Sich-Einlassen. Das dunkle Menschsein des Menschenbruders muß ich zu meinem werden lassen, wenn jenes: „Ich glaube an dich” nicht ein billiges Wort sein will. Dann muß ich mich selbst verändern, wenn ich an ihn glaube. Etwas von mir muß auf ihn überspringen und „zünden” – aber zuvor muß es ja in mir selbst „gezündet” haben. Hier heißt Glaube als Konfrontation mit dem Dunkel also Vertrauen. Das Wunder des Vertrauens wirkt Wunder. Aber auf Risiko hin. Denn alle errechenbare Sicherheit der gesetzmäßigen Zusammenhänge ist hier zu Ende. Wir befinden uns im Raum des unendlich Problematischen. Veränderung in der menschlichen Gesellschaft kann nur ausgehen von der Veränderung einzelner. Wir dürfen wohl sagen, daß es die Liebe ist, die im Dunkel des Menschen Wandlung konstelliert. Liebe wirkt kreativ: In der Tiefe der Angst regt sich ein Keim von Zuversicht, im Schmerz der Verzweiflung geht ein Strahl von Hoffnung auf, in der Verlorenheit der Schuld, in der Finsternis des apersonal und anonym Gewordenen wird etwas ‚per-sonans‘, durch-tönend. Der von sich Entfremdete wagt es wieder, sich selbst als Person zu verstehen. Und das ergibt – vielleicht – die Umkehr des ‚circulus vitiosus‘ in den ‚circulus salutis‘, die Eskalation all der langsam sich entfaltenden Potenzen des Liebenkönnens.
Das weiß schon der gute Erzieher: Wenn er mit der Zuwendung seines Herzens „glaubt” an den „hoffnungslosen” Schüler, der sich selbst aufgegeben hat, der nur aus Obstruktion (mehr gegen sich selbst als gegen die Autorität) zu bestehen scheint; und wenn er es wagt, ihm diesen „Glauben” zuzusagen, da verbindet sich etwas in den beiden, da geschieht ein Werden trotz aller Widerstände. Das weiß auch der rechte Seelsorger, der Arzt, der nicht nur das Leibliche sieht, der Psychotherapeut, der es mit dem in der Neurose Verstrickten zu tun hat: Wo ich dennoch sage, wo ich mich einlasse in die geduldige Arbeit des Dennoch, da kann Heilung geschenkt werden.

Noch aber haben wir nicht gesprochen von der dritten Dimension des Dunkels, von dem absoluten Dunkel, das unser aller Existenz umgreift. Und seltsam, das ist es gerade, was den Menschen seit eh und je am mächtigsten fasziniert. Unendliche Faszination geht aus von diesem Dunkel auf den menschlichen Geist, sein Gemüt, seine Phantasie. Es ruft die tiefsten Strukturkräfte des Menschen an. es ruft. die religiösen Strukturkräfte in die Konfrontation. Ja, wir dürfen es sagen: Das absolute Dunkel ist es, das im Menschen die Schau wirkt von der Wirklichkeit der Transzendenz – möge er sie nun Gott nennen, die Gottheit oder das Sein selbst, das „Sein a se”, das Sein ohne Grund. Etwas ist im Menschen, das als ein Empfangen von Sich-Offenbarendem seine Welt durchbricht. Hier liegt die Urerfahrung des Heiligen. Aus dieser Konfrontation, nämlich der mit dem absoluten Dunkel, stiegen einst die großen Bilder des Mythos auf, die metaphysischen Entwürfe der Urreligionen, quillt die Verehrung der unerfaßlichen und doch so machtvollen Präsenz des Heiligen, des Göttlichen. Vor diesem Dunkel werden sie zur zwar unbeweisbaren, aber um so stärkeren inneren Erfahrung, die ewigen Gewalten, die göttlichen Gestalten, die die Welt erschaffen und zerstören, die Schicksale der Geschlechter lenken und die als Lichtbringer das menschliche Bewußtsein und das menschliche Gewissen erleuchten und entfalten. In ihrer Schau wird der Mensch ergriffen vom Numinosen, vom ‚tremendum et fáscinans‘, dem Erzittern-Machenden und Bannend-Lockenden, wie Rudolf Otto dies Phänomen bezeichnete. Heiligtümer und Kultstätten zeugen von der wunderbaren Fähigkeit des Menschen, „sich selbst zu überschreiten” (Pascal), über sich selbst hinaus zu „vernehmen”. In Tempeln und in Bildnissen – vom archaisch Grandiosen bis zur höchsten Schönheit des Kunstwerks –, in Kulten und Festen verehren die Menschen durch die Jahrtausende hin und um den ganzen Erdball die im Dunkel aufleuchtende Transzendenz, die als lebensgestaltende, stärkste Wirklichkeit erlebt wird. Religionen erblühen, erreichen Höhepunkte, erstarren in Riten, Geboten und Gesetzen – um zu verfallen, um neuen Religionen Platz zu machen, die aus vertiefter, differenzierter Strukturkraft, wie durch einen Sprung der Bewußtwerdung, geboren werden. Es ist die religiöse Strukturkraft der Seele, wir wollen sie als transzendierendes Vertrauen bezeichnen, die in der Konfrontation mit dem absoluten Dunkel ihre schöpferische, ihre alle Kulturen tragende Wirkmacht erreicht und dadurch „Antwort” wird auf das Dunkel.
In unserer Gesellschaft gibt es Stimmen genug, die die Meinung vertreten, das Christentum nicht nur, sondern Religion überhaupt sei für den heutigen Menschen überlebt; der Mensch von morgen werde das Wort Gott nicht mehr kennen und seiner auch nicht mehr bedürfen, da Wissenschaft und soziale Sicherheit es überflüssig gemacht haben werden. Ich meine, daß damit der Mensch um die tiefste Potenz seines Wesens gebracht würde. Wer so denkt, versteht Religion allein aus der Angst, versteht das religiöse Phänomen aus den Projektionen, die Angst und Schutzbedürfnis hervorzaubern. Der Mensch von morgen aber, so sagt man, wird angstfrei sein. Dafür werden die Fortschritte der Wissenschaft, der Medizin, der Technik sorgen, dafür wird eine klassenlose Gesellschaft, eine geeinte Menschheit sorgen.
Mir scheint dies eine Utopie oder besser gesagt eine Illusion zu sein. Steht denn der Mensch nicht immer – und wird immer stehen, selbst wenn er einmal andere Sterne bewohnen sollte – in den Grundbedingungen seiner Existenz? Steht er nicht immer in den Grundbedingungen der Zeit, des Todes und der Schuld? Und sind diese nicht die Pforten, die in das absolute Dunkel offenstehen, die Grenzen, die weder die Erkenntnis noch der Wille überschreiten kann? Auch die Philosophie kann dem Menschen nur eine allgemeine Interpretation seines Daseins vermitteln. Von woher aber soll ihm die Kraft seines ganz personalen, ganz einmaligen Selbstseins erwachsen, aus der er zu leben und zu sterben, aus der er Sterblichkeit, Tod und Schuld zu ertragen und zu verarbeiten vermag?
Wo die religiöse Strukturkraft im Menschen, die Energie seines transzendierenden Vertrauens erstorben ist, da steht der Mensch vor den Grundbedingungen seines Seins stumm, antwortlos, unkreativ – da flüchtet er vor der Konfrontation mit dem Dunkel, aus dem ihm doch das machtvollste Licht zukommen könnte, in die abertausend erborgten Sicherheiten und Sicherungen. Denn das ist ja das ebenso Erstaunliche wie Paradoxe der Grundbedingungen, eben jener unüberschreitbaren Grenzen in das absolute Dunkel: Sie fordern den Menschen heraus zu dem geheimen Werden und Wachsen seines Selbst, das wir die innere Geschichte, die Reifung eines Menschen nennen. In ihr sammelt sich die ganze Substanz seiner Person, die als solche zur „Antwort” vor jenem Dunkel wird. Sie, diese Substanz, dürfen wir getrost seine Religion, ja – und nun im ganz konzentrierten Sinn – seinen Glauben nennen.
Intelligenz hat auch das Tier, und auch emotionale Fähigkeiten besitzt es. Ader nur im Menschen ist die religiöse Strukturkraft angelegt, die das Dunkel Sprache werden läßt. Ohne sie wird der Mensch zum Leistungserfüller oder zum Zyniker, oder er verfällt einer der zahllosen Formen schleichender Depression, die für unsere heutige Gesellschaft so charakteristisch sind. Ist es nicht, als ob das Dunkel, das er flieht, sich in irgendeiner Weise seiner eigenen Seele bemächtigen würde? Die religiöse Strukturkraft, die dem Menschen den Mut verleiht, sich mit dem Dunkel zu konfrontieren, wird nicht aktiviert.
Fassen wir noch einmal zusammen, was wir über die drei Stufen des Dunkels, der Konfrontation und des Glaubens gesagt haben.
Als fruchtbare Intuition wirkt der „Glaube” der Wissenschaft: das unendliche Dunkel der unbekannten Welt des Objektivierbaren, wir können es erhellen, erobern. Denken wir an die ersten Menschen, die das Feuer entdeckten, das Werkzeug, das Rad erfanden, das Pferd domestizierten, ebenso wie an die Laboratorien der modernen Wissenschaft, an die Teleskope, die das Licht seit Millionen von Lichtjahren erloschener Himmelskörper in unseren Erkenntnisbereich hereinholen. Prometheus, der Revolutionär und Dulder, der das Feuer von der Tafel der Götter raubte, um es den im Dunkel wohnenden Menschen zu bringen, der zur Strafe für diese Tat von Zeus an den Felsen geschmiedet wurde, er läßt uns im großartigen mythologischen Bild die intentionale Kraft dieser Erhellung verspüren.
In ganz anderer Weise wird Konfrontation schöpferisch, wo es um das tiefe Dunkel des Menschenwesens geht, seine Angst und Not, seine Bosheit und Verlorenheit; auch da bedarf es der fruchtbaren Intuition, aber noch viel mehr der brüderlichen Zuwendung des Vertrauens und der Liebe, aus der die schaffende Tat hervorgeht, der Kampf gegen Starrsinn und Trägheit, im einzelnen wie in der Gesellschaft. Denken wir an die großen, die wahrlich aufopfernden Taten der Liebe, die Menschen für Menschen getan haben, in aller Stille, in aller Demut.
Glaubend können wir die Wege der Verantwortung finden für die menschliche Gesellschaft, die an den Gefahren von Haß und Egoismus, von Gier und Aggression zugrunde zu gehen droht.
Immer aber, bei all dem immer neu, wendet der Mensch sich fragend seinem Ursprung zu. Immer stellt der Mensch die Wer-bin-ich-Frage. Und da wird der Glaube als Konfrontation mit dem Dunkel in seine tiefste Dimension geworfen. Da ruft das Dunkel meine Identität heraus, da erfordert es die Antwort, die nur ich einmalig mit meinem Leben geben kann, mit mir selbst.
Wir wissen es ja längst, nicht ein übernommenes Credo kann ich da vorschieben, nicht eine supranaturale Setzung, nicht den papierenen Gott, den „gedachten Gott”, vor dem schon Meister Eckart warnt. Diese Antwort, die zugleich Frage und immerwährende Frage ist – sie kann nur im Prozeß meiner Reifung durch mein Leben bestehen. Würden doch ungezählte Krisen tödlich verlaufen, wenn nicht das „Fünklein” in ihnen aufleuchten würde, das mir Gründung im Ewigen verheißt, würde nicht der „Aufschwung” in ihnen geschehen, durch den meine Wer-bin-ich-Frage sich nicht etwa löst, sich aber mit dem dunklen Licht der Gewißheit erfüllt.

Von hier aus müssen wir nun unsere Überlegung erweitern. Wie kommt es, daß so viele Menschen unserer Zeit erlahmen und erlöschen, ermüden vor dem Alter und vor dem Tod, vor dem Rätsel der Zeit, vor dem Bösen in der Welt? Sie resignieren in der Stimmung der Sinnlosigkeit. Und sie gleichen dabei, wie Pascal sagt, solchen, die auf einem reißenden Fluß dem Katarakt entgegentreiben. Viele von ihnen, so möchte man sagen, halten sich dabei die Tageszeitung vor das Gesicht. Glauben, so sagen sie, das ist doch wohl eine überholte Sache, das konnten und brauchten die Menschen früherer Jahrhunderte. Für uns aber ist doch wohl, zumindest seit Hegel und Jean Paul, seit Marx und Nietzsche Gott längst gestorben. Was haben wir dazu zu sagen?
Wie das Denken, wie das Fühlen sich von den Stadien der kindlichen Weltbegegnung her weiter entwickeln und ständig differenzieren, so hat – darauf kommt es nun an – auch das Glauben Stadien einer wesenseigenen Entwicklung zu durchlaufen. Das ist es, was so oft von den Menschen unserer Zeit nicht erfaßt wird. Während jedermann weiß, daß ein ständiger Lernprozeß stattzufinden hat im Bereich der intellektuellen wie auch der gefühlsmäßigen Kräfte und Funktionen, wenn der Mensch nicht primitiv bleiben soll, so wissen doch die wenigsten, daß dies auch für die Funktion des Glaubens gilt. Durch jede Wachstumsstufe, durch jede Phase der Erfahrung hat auch „Glauben” sich zu wandeln, sich zu vertiefen und zu differenzieren, wenn er eine integrierende, eine lebendige Potenz in der Ganzheit der menschlichen Weltbegegnung bleiben soll. Das ist entscheidend!
Im Elternhaus, in der Schule, im Unterricht wird das Kind – so ist es wenigstens heute noch – zunächst einmal eingeführt in den Stoff der kirchlichen Lehren. Es übernimmt ihn; in einem erweckt er ein tieferes Echo, ein erstes Ahnen, im anderen bleibt er ein mehr oder weniger interessanter Lehrstoff wie andere Schulfächer auch. Ein Kapital, das vielleicht nie mehr angerührt wird. Vielleicht aber doch einmal?
Wie oft begegnen uns Menschen, die auf dem Stand des Konfirmations- oder Firmungsalters verblieben sind in Sachen Glauben, während sich ihre übrigen geistigen und seelischen Funktionen normal weiterentwickelt haben. Geraten sie nun in eine Lebenskrise, sei es durch ein Schicksal, einen Verlust, eine Erkrankung des Leibes oder der Seele, so wollen sie plötzlich auf ihren „Glauben”, der ihnen von einstens wieder aufdämmert, zurückgreifen. Und siehe da – er gibt nichts mehr her, er ist wie ein liegengebliebener Fremdkörper, von dem sie sich bald enttäuscht wieder abwenden. „Das alles ist für den modernen Menschen nicht mehr zumutbar, wir hatten es ja schon gewußt und gelesen, diese Dogmen, die Unvereinbares vereinen, diese Wunder, die angeblich wahr sein sollen, diese Konstruktion von Rechtfertigung, Rettung, Erlösung… Das alles mag schön und erbaulich sein, aber damit kann der zur Prüfung von Tatsachen erzogene Geist nichts mehr anfangen.”
Ja, sie haben recht. Und warum? Weil sich hier im Bereich der religiösen Strukturkräfte der Seele nichts entwickelt hat, nichts erschließender, vernehmender geworden ist. Glaube, so dürfen wir wohl sagen, bedarf der intensivsten Entwicklung, er bedarf der „existentiellen Aufmerksamkeit”, des meditativen Offenseins. Auch er bedarf eines „Lernens”, durch das jener einst vom Kind übernommene „Stoff” immer transparenter, immer aussagender, immer kreativer wird für das Menschsein eines Menschen – wodurch er sich ausdehnt, sich verbindet mit allem, was Offenbasungscharakter hat in der Welt, mit den Wahrheiten der anderen großen Religionen, mit den Ahnungen der Mysterienkulte in der Frühzeit der Geschichte, mit den Wesensaussagen der großen Kunst aller Kulturen. Glaube, so wollen wir betonen, bedarf der Entwicklung der transzendierenden Funktionen der Seele, durch alle Stadien der Reifung eines Menschen.
Die ganze Grundgestimmtheit der Seele hängt davon ab, ob ein Mensch innerlich ausgerichtet ist auf ein wachsendes „Verstehen der Wirklichkeit”, wie Gerhard Ebeling den Glauben nennt. Ein Baum, ein Berg kann das sein, ein Schimmer auf dem Schnee, das Lied eines Vogels, der Vers eines Dichters, wodurch das ganze, das „offenbare Geheimnis” (so Goethe) auf mich zukommt. Aus solcher existentiellen Spannkraft erwächst Glaubenkönnen.
Wenn die frühen Christen und Jesus selbst an das baldige Kommen des Gottesreiches, die zeitlich nahe bevorstehende Erfüllung eines letzten Sinnes also glaubten, was war das anderes als ein tief erfülltes Verstehen der Wirklichkeit, die Schau einer umgreifenden Ganzheit, auf die das zerbrechliche Menschsein gerichtet ist? Was taten sie damit anderes, als unserem Menschsein eine wahrhaft schöpferische Interpretation zu verleihen? Der Einwand: aber diese Erwartung traf ja gar nicht ein, bleibt im Faktischen hängen, er tut ja dem Entwurf, der Spannkraft als solcher gar keinen Abbruch, löscht seinen wirkmächtigen Kern nicht aus. Ebensowenig kann etwa – umgekehrt – die Feststellung gewisser moderner Biologen, der Mensch sei ein ganz unwahrscheinliches Zufallsprodukt atomaren Würfelspiels, nur den in eine graue Trostlosigkeit versetzen, der in dieser Grundgestimmtheit der Seele schon zuvor befangen war.
Die Religion eines Menschen ist immer der Mensch selbst. In jedem Tun einer Mutter oder eines Vaters kann also religiöse Lebendigkeit oder Erstorbenheit sich auswirken, in der Art, wie sie dem Kind eine Geschichte erzählen, wie sie es sexuell aufklären; in allem Tun können sie seine Seele mit Vertrauen erhellen oder aber mit Angst verdunkeln. Wie oft wird der Keim des transzendierenden Vertrauens, das die ganze Spannkraft der kindlichen Identität durchstrahlen möchte, verschüttet und begraben! Aber die menschliche Seele „arbeitet”. Das Leben findet Wege, den Menschen in seiner tiefsten, wenn auch latent gebliebenen Potenz wieder anzurufen; eine Begegnung kann das sein, ein Schicksal, ein Freund, ein Buch oder ein Liebeserlebnis.
Auch in der psychotherapeutischen Arbeit mit einem seelisch Leidenden dürfen wir es erleben, daß verschüttete Quellen aufspringen. Wo ein Mensch anfängt, sich ganz neu, ganz ernst mit seinem Leben und mit sich selbst auseinanderzusetzen, da treten die unbewußten Bereiche seines Wesens in Tätigkeit: Sie drängen zur bewußten Befragung. Das Unbewußte bewahrt bildschaffende Kräfte, die den oft so hoffnungslos dunklen Weg eines Menschen zu erleuchten vermögen. Nicht etwa, als ob die Träume, die Produktionen des Unbewußten, nur das Gute und das Schöne ans Licht brächten. O nein, sie machen zunächst einmal sehr deutlich, was Angst und Aggression, was an Wildheit, Wut und Verzweiflung, was an „dämonischen” Regungen in unserer Tiefe, unterhalb unserer so wohl angepaßten Oberfläche wohnte. Insbesondere dem neurotischen Menschen, der seine unbewußte Tiefe ja immer zubetoniert hatte, zeigen sie das, was er wirklich ist, und was er nun erst allmählich ertragen lernt in der echten therapeutischen Gemeinschaft. Da geht es dann oft um Aufgaben in der mitmenschlichen Welt, die Schritt für Schritt zu bewältigen sind.
Aber bei all dem läßt nun der Traum auch etwas aufklingen, er macht etwas frei von der konstruktiven Kraft, die trotz aller Destruktionen, die der Mensch erlitten – und vielleicht auch ausgeübt hat —, noch lebendig ist. Programmierung und Dressur werden durchbrochen. Eine neue Schau ersteht, die den Menschen noch einmal aufrüttelnd vor die Wahrheit seines Menschseins und damit auch vor seine eigene Möglichkeit stellt. Da ergeht ein Anruf an den Menschen, der aus seiner eigenen Tiefe stammt: Wieviel Klischee, wieviel aufgepreßtes Dogma hast du doch bisher gelebt! Aber siehe da, du darfst dich an deine Freiheit erinnern. Du bist gar nicht der genormte Raster, der nur zugelassene Linien verfolgen darf. Du bist viel freier, als du denkst; das aber erschreckt auch, denn es erfordert Mut.
In den Träumen können sich hilfreiche Bilder ereignen, die es einem Menschen ermöglichen, sich selbst anzunehmen – aber auch an den Mitmenschen zu glauben. Das kann geschehen in großen „archetypischen” Weisungen, in denen vielleicht ein wunderbares Tier voll göttlicher Bedeutsamkeit in der Öffnung einer finsteren Höhle erscheint oder der Träumer selbst eine ganz seltene, vergrabene Kostbarkeit findet. Oder aber er, der mißmutig Verdrossene, dem es ja so gleichgültig ist, ob Menschen untergehen, rettet plötzlich mit Leidenschaft einen Menschen vor dem Absturz oder dem Versinken. Bei anderen Träumern wieder scheinen die Träume nur immer trocken und nüchtern das so gräßlich Langweilige und Trostlose ihres Lebens wiederzukäuen. Aber nein, siehe da, die Akzente verschieben sich ganz unmerklich!
Mancher Psychotherapeut vertritt die Auffassung, sobald die „religiöse Frage” im Behandlungsgeschehen auftauche, sei er nicht mehr zuständig, dann habe der Theologe das Wort. Uns scheint das eine künstliche Spaltung zu sein. Die „religiöse Frage” taucht überhaupt nicht auf, denn sie ist ständig da! Theologisches Gespräch, Glaubensbelehrung über einem verschlossenen Seelengrund, aus dem kein transzendierendes Vertrauen aufsteigt, ist steril. Sie wird als Forderung vernommen oder als Drohung, als Tröstung oder als Gesetz, das wir niemals erfüllen können. Immer gilt es sich klarzumachen, daß jede Wahrheit und insbesondere das Wort des Evangeliums transformiert wird, umgestimmt wird von der hörenden Seele. So kann denn Religion niemals ein „Fach” für sich sein – sie ist der Mensch selber, oder sie lebt nicht.
Die einst verödete religiöse Strukturkraft der Seele kann wieder erwachen, vielleicht an einem ganz unscheinbaren Ereignis, im Glück über ein spielendes Kind, über ein strahlendes Menschenantlitz, über eine Brücke, die in ganz „unglaublicher” Konstruktion, aber dennoch das eine Ufer eines Abgrunds mit dem anderen verbindet.
Glaube als Konfrontation mit dem Dunkel er-eignet sich als jener helle Schein im menschlichen Herzen, von dem Paulus an die Korinther geschrieben hat. Aber er kann sich nur da ereignen, wo ein Mensch den Mut und das Vertrauen findet, sich seiner eignen Freiheit zu erinnern, sie wahr-zunehmen und sie ins Werk zu setzen.


in Herzog-Dürck, J., 1979, Leiden, Traum und Befreiung, ursprl. in Betz, O. (Hg.), 1972, Ich glaube mit meinem Leben.